Die Wolken

Menschliche Übersetzung · Übersetzt von Johann Jakob Christian Donner (†1875) · Quelle: Wikisource · Gemeinfrei

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Personen.

Strepsiades, ein attischer Landmann.

Pheidippides, sein Sohn.

Ein Knecht des Strepsiades.

Schüler des Sokrates.

Sokrates.

Chor der Wolken.

Der Vertreter des Rechtes.

Der Vertreter des Unrechts.

Pasias.

Amynias.

Ein Zeuge.

Chärephon.

Stumme Personen.

Jahr der Aufführung: Olymp. 89, 1. 423 vor Chr. unter dem Archon Isarchos.

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Erster Act.

Erste Scene.

Morgendämmerung. Wohnung des Sokrates. In der Nähe derselben das Haus des Strepsiades, in dessen Schlafgemach man hineinsieht.

Strepsiades. Pheidippides. Einige Knechte im Hintergrunde.

Alle liegen schlafend auf ihrem Nachtlager.

Strepsiades.

(erwacht gähnend.)

Ju! Ju!

O König, o Zeus! Wie sind die Nächte doch so lang!

Maßlos, unendlich! Wird es niemals wieder Tag?

Und doch vernahm ich lange schon des Hahnes Ruf!

Die Knechte schnarchen. Früher hätt’ ich dem gewehrt!

Krieg, fahre du zur Hölle, jezt und allezeit,

Nun ich sogar die Knechte nicht mehr prügeln darf!

Und auch der saub’re Junge hier wacht nimmer auf,

Die ganze Nacht nicht, sondern farzt unausgesezt,

In fünf gewaltige Pelze fünffach eingemummt.

Nun, wenn es sein soll, schnarch’ ich auch, wohl eingehüllt.

(nach einer Pause, in welcher er zu schlafen versucht.)

Nein, schlafen kann ich Armer nicht, so beißt es mich,

Das Zahlen, das Rossefüttern und die Schuldenlast

Um dieses Jungen willen. Er, in langem Haar,

Er reitet, jagt mit seinem Zweigespann daher,

Und träumt von Pferden. Aber ich verzweifele,

So oft der Zahltag mit dem Vollmond wiederkehrt;

Denn die Zinse wachsen! –

(er rüttelt einen Knecht auf.)

Knabe, zünd’ ein Licht mir an,

Und bringe das Hausbuch, – möchte seh’n, wie Vielen ich

Noch schulde, möchte berechnen, was die Zinse sind.

(der Knecht bringt Licht und Buch.)

Laß sehen, was ich schuldig bin! An Pasias

Zwölf Minen! – Zwölf an Pasias? Wofür? Wozu? –

Ich Tropf, den Koppa kauft’ ich: ach! O hätt’ ein Stein

Vorher das Aug’ ihm aus dem Kopf herausgebohrt!

Pheidippides.

(im Schlafe.)

He, Philon, fehl gefahren! Bleib’ in deiner Bahn!

Strepsiades.

Das ist es, das bereitet mir den Untergang!

Vom Wagenlenken träumt er auch im Schlafe noch.

Pheidippides.

(wie oben.)

Wie viele Gänge machst du denn im Wagenspiel?

Strepsiades.

Mit mir, dem Vater, machst du wohl manch tollen Gang!

(er liest weiter in dem Hausbuch.)

Doch „welche Schuld belastet mich“ nach Pasias?

„Für Stuhl und Rad drei Minen an Amynias.“

Pheidippides.

(wie oben.)

Nun fort zur Schwemme mit dem Roß, und dann nach Haus!

Strepsiades.

Mich, Schlingel, hast du fortgeschwemmt von Haus und Hof.

Der will die Hauptschuld heimbezahlt, und Andre droh’n

Mich auszupfänden für den Zins –

Pheidippides.

(erwachend.)

Mein Vater, ach!

Was stöhnst du, wirfst dich bang’ umher die ganze Nacht?

Strepsiades.

Mich beißt ein Schulze brummend aus dem Bett hinaus.

Pheidippides.

Ein wenig ausruh’n laß mich noch, mein Theuerster!

(er legt sich sich auf die andere Seite.)

Strepsiades.

So schlafe nur: doch diese Schulden fallen einst,

Das darfst du glauben, alle noch auf deinen Kopf.

Weh, weh!

O hätte sie der Henker, jene Kupplerin,

Die mich beschwazte, daß ich deine Mutter nahm!

Mein Leben auf dem Lande war so wohlgemuth,

Ein wirres Durcheinander, recht in Speck und Koth,

An Bienen reich und Schafen, reich an Wein und Oel.

Da nahm ich Bauer eine Städterin zum Weib,

Megakles’ Schwestertochter aus Megakles’ Haus,

Vornehm und flott, leibhaftig eine Kösyra.

Wie nach der Hochzeit ich in’s Brautbett stieg mit ihr,

Roch ich nach Trestern, Feigen, Woll’ und Speichergut,

Sie nach Safran, Pomade, Liebesschnäbelei,

Hoffahrt, Verschwendung, Buhlerei’n und lauter Lust.

Nicht daß sie faul war, sag’ ich, nein, sie zettelte,

Sie wob; ich zeigte dieses Wamms ihr oft zum Schein,

Und sagte: Frauchen, du verzettelst allzuviel!

Der Knecht.

(einredend.)

O Herr, in unsrer Ampel ist kein Tropfen Oel.

Strepsiades.

Verdammt!

Was steckst du denn auch diese durstige Ampel an?

Komm her, du sollst mir heulen!

Der Knecht.

Aber, Herr, wofür?

Strepsiades.

(schlägt ihn.)

Da – weil du so ’nen dicken Docht hineingesteckt! –

(der Knecht läuft hinaus.)

Hierauf, nachdem uns dieser Sohn geboren war,

Ich sage, mir und meinem wackern Eheweib,

Entspann um seinen Namen sich alsbald ein Zank.

Sie wollt’ ein „Hippos“ angehängt, und hieß ihn bald

Xanthippos, bald Charippos, bald Kallippides;

Ich aber hieß ihn nach dem Ahn Pheidonides.

Wir zankten noch ein Weilchen; endlich wurden wir

Mit einander eins und nannten ihn Pheidippides.

Dies Söhnchen nahm die Mutter oft, und hätschelt’ ihn:

„Kind, wenn du groß bist und im Purpurrock zur Stadt

Im Wagen wie Megakles fährst“ – ich fiel ihr ein:

„Nein, wenn du, wie dein Vater, einst von Phelleus’ Höh’n

Die Ziegen treibst, in einen Schafpelz eingehüllt“ – –

Doch half es nichts, er folgte meinen Worten nicht,

Und schleppte mir die Pferdesucht in’s Haus herein.

Nun sann ich da die ganze Nacht durch hin und her,

Und Einen Weg noch fand ich, einzig, göttlich schön.

Bered’ ich ihn zu diesem, dann bin ich gedeckt.

Nun, aus dem Schlafe wecken laß mich ihn zuerst! –

Wie kann ich ihn ganz leise, leise wecken? Wie? –

(er geht an sein Lager und weckt ihn behutsam.)

Pheidippides! Mein Pheidippidchen!

Pheidippides.

Vater, was?

Strepsiades.

Kind, küsse mich und gib mir deine Hand einmal.

Pheidippides.

Hier hast du sie! Was weiter?

Strepsiades.

Sage: liebst du mich?

Pheidippides.

So wahr der Rosse großer Gott, Poseidon, herrscht!

Strepsiades.

O still von diesem Rossegott, ich bitte dich!

An meinem Unglück trägt allein der Gott die Schuld.

Doch wenn du mich wahrhaft von Herzensgrunde liebst,

So folge mir, mein Söhnchen.

Pheidippides.

Und was soll ich denn?

Strepsiades.

Wend’ um so schnell als möglich, werd’ ein andrer Mensch,

Und gehe lernen, was ich dir empfehlen will.

Pheidippides.

So sage: was verlangst du?

Strepsiades.

Wirst du folgen?

Pheidippides.

Ja,

Das werd’ ich, bei’m Dionysos.

Strepsiades.

Hieher schaue denn!

(sie treten aus dem Hause.)

Du siehst doch hier das Pförtchen und das kleine Haus?

Pheidippides.

Ich seh’ es; aber, Vater, sprich, was soll’s damit?

Strepsiades.

Da haben weise Geister ihr Studirgemach.

Es wohnen Männer drinnen, die beweisen dir,

Der Himmel sei nichts Andres, als ein Stülpkamin,

Der rings um uns sich wölbe, wir die Kohlen drin.

Die lehren dich, mit Worten Unrecht oder Recht

Siegreich verfechten, wenn du sie dafür bezahlst.

Pheidippides.

Wer sind sie denn?

Strepsiades.

Den Namen weiß ich nicht genau:

Ideengrübler, edle feine Leute sind’s

Pheidippides.

Ahah! Die Schufte kenn’ ich wohl. Die windigen

Barfüße meinst du, meinst die Bleigesichter doch,

Mitsamt dem Unhold Sokrates und Chärephon?

Strepsiades.

Pst, pst! Den Mund zu: schwaze nicht so thöricht Zeug!

Nein, liegt dir Etwas an des Vaters liebem Brod,

So werde dieser Einer, laß die Pferde sein.

Pheidippides.

Nein wahrlich, bei’m Dionysos, nein, und gäbst du mir

Die Goldfasanen aus dem Park des Leogoras.

Strepsiades.

Ich bitte dich „du liebster aller Menschen mir“,

Geh hin und lerne!

Pheidippides.

Vater, und was lern’ ich denn?

Strepsiades.

Zwei Reden haben jene Herrn, behauptet man,

Die stärk’re, wie sie’s nennen, und die schwächere.

Von diesen beiden, heißt es, kann die schwächere

Den Sieg gewinnen, schwazte sie auch ungerecht.

Erlernst du nun die ungerechte Rede mir,

So zahl’ ich Niemand einen Obolos zurück

Von all dem Gelde, das ich deinethalb geborgt.

Pheidippides.

Das lass’ ich bleiben: denn so bleich und abgezehrt,

Wie wagt ich’s je, die stolzen Ritter anzuschaun!

Strepsiades.

Dann, bei Demeter, kostest du nicht mehr mein Brod,

Du nicht, und nicht dein Renner, nicht dein Sattelroß:

Ich jage dich zum Geier aus dem Hause fort.

Pheidippides.

So läßt der Ohm Megakles mich nicht ohne Roß;

Zu diesem geh’ ich, kümm’re mich nicht mehr um dich.

(geht ab)

Zweite Scene.

Strepsiades allein.

Strepsiades.

Nun, bin ich auch gefallen, steh’ ich wieder auf.

Und alle Götter fleh’ ich an und wandere

In die Denkerklause, nehme selbst noch Unterricht.

(nach einer Pause, vor der Thüre des Sokrates.)

Doch – bring’ ich Alter, stumpf, vergeßlich, wie ich bin,

Der spizen Worte Splitterei’n in meinen Kopf? –

Frisch zu! Warum auch drucks’ ich da noch lang herum,

Und poltre nicht an die Thüre?

(er pocht an.)

Junge! Jüngelchen!

Dritte Scene.

Strepsiades. Ein Schüler des Sokrates.

Der Schüler.

Zum Geier du! Wer ist es, der an die Thüre pocht?

Strepsiades.

Des Pheidon Sohn, Strepsiades, von Kikynna her.

Der Schüler.

Fürwahr, ein Mensch vom Pöbel, der so ungestüm

Unwissenschaftlich an die Thüre strampft und mir

Abtrieb die Frucht des Gedankens, der im Werden war!

Strepsiades.

Verzeihe mir: ich wohne weitweg – auf dem Land.

Doch sage mir: was ist das abgetriebne Ding?

Der Schüler.

Nur Schülern darf man solche Sachen anvertraun.

Strepsiades.

Dann sage mir’s getrost: ein Schüler komm’ ich ja,

So wie ich bin, in eure Denkerklause hier.

Der Schüler.

So höre; doch verehr’ es als Mysterion!

Nur eben fragte Sokrates den Chärephon,

Wie weit ein Floh wohl hüpft nach eigner Füße Maß.

Den Chärephon stach einer in die Brau’n und sprang

Von dort in Eile nach dem Kopf des Sokrates.

Strepsiades.

Wie hat er das gemessen?

Der Schüler.

Auf’s geschickteste.

Erst läßt er Wachs zergehen, nimmt darauf den Floh,

Und taucht die beiden Füßchen ihm in’s Wachs: sobald

Das Ding erkaltet, hat der Floh Pantoffeln an.

Die löst er ab und mißt damit den Zwischenraum.

Strepsiades.

O König, o Zeus! Das nenn’ ich einen feinen Kopf!

Der Schüler.

Was wirst du erst zu einem andern Geistesfund

Des Meisters sagen?

Strepsiades.

Welchem? Sprich, ich bitte dich.

Der Schüler.

Ihn fragte neulich Chärephon, der Sphettier,

Was seine Meinung wäre, ob die Schnacken wohl

Mit dem Munde geigen oder durch das Hintertheil.

Strepsiades.

Was sagt’ er über die Schnacke dann, der weise Mann?

Der Schüler.

Eng ist der Schnacke Darmkanal, erklärt’ er uns;

Da muß die Luft wohl, eingepreßt in kleinem Raum,

Die Bahn sich brechen mit Gewalt, dem Steiße zu;

Wenn dann die Mündung an dem engen Schlunde sich

Erweitert, fährt mit hellem Ton der Wind heraus.

Strepsiades.

Trompetenartig wäre denn der Schnacke Steiß!

O selig dreimal, wer in Darmes Tiefen blickt!

Wie leicht entgeht er vor Gericht den Gläubigern,

Wer so der Schnacke Darmkanal ergründet hat!

Der Schüler.

Jüngst freilich ward ihm eine große Kraftidee

Von einer Eidex abgeführt.

Strepsiades.

Erzähle: wie?

Der Schüler.

Da stand er Nachts und spähte nach des Mondes Bahn

Und seinem Umlauf; wie er so mit offnem Mund

Aufsah, beschmiß das Thierchen ihn vom Dach herab.

Strepsiades.

Spaßhaft! Die Eidex überschmeißt den Sokrates!

Der Schüler.

Ja – gestern Abend war für uns kein Essen da.

Strepsiades.

Gut: und das Brod zu schaffen, was ersann er dann?

Der Schüler.

Er streute feine Asche dort auf seinen Tisch,

Nahm einen Bratspieß, bog ihn krumm, und zirkelte,

Und aus der Ringbahn führt’ er ab ein Opferstück.

Strepsiades.

Was staunen wir noch jenen alten Thales an?

Flugs öffne, Lieber, öffne flugs die Denkerei,

Und ohne Säumen zeige mir den Sokrates!

Mich schülert recht. Wohlan denn, öffne mir die Thür!

Vierte Scene.

(Die Thüre öffnet sich: man erblickt einen Haufen Schüler in wunderlichen Stellungen, auch allerlei Lehrgeräthschaft.)

Strepsiades.

Herakles! Was für Wunderthiere seh’ ich da?

Der Schüler.

Was staunst du so? Wie kommen dir die Leute vor?

Strepsiades.

Ganz wie die Sparter, die man jüngst in Pylos fing. –

Was aber seh’n denn jene so zur Erde hin?

Der Schüler.

Sie suchen, was die Erde birgt.

Strepsiades.

Sie suchen wohl

Nach Trüffeln? Hierum grübelt euch nicht weiter ab!

Ich weiß Bescheid, wo welche wachsen, groß und schön. –

Was thun denn diese, die da steh’n so tief gebückt?

Der Schüler.

Die späh’n im Abgrund tief hinab zum Tartaros.

Strepsiades.

Was aber guckt ihr Hintertheil zum Himmel auf?

Der Schüler.

Das treibt für sich Sternkunde ganz auf eigne Hand.

(zu einigen Schülern, die sich neugierig herbeigedrängt haben.)

Hinein, damit der Meister uns nicht außen trifft!

Strepsiades.

O laß sie noch, ich bitte, laß sie bleiben, bis

Ich sie mit meinem Handel erst bekannt gemacht.

Der Schüler.

Es ist den Schülern nicht erlaubt, an freier Luft

Sich außen aufzuhalten gar zu lange Zeit.

(Die Schüler ziehen sich in das Haus zurück; Strepsiades folgt ihnen bis an die Schwelle.)

Strepsiades.

(eine Himmelskugel erblickend.)

Bei allen Göttern, sage: was ist dieses hier?

Der Schüler.

Gehört zur Sternenkunde, Freund.

Strepsiades.

(auf Meßgeräthe zeigend.)

Und dieses da?

Der Schüler.

Zur Geometrie gehört es.

Strepsiades.

Wozu nüzt denn das?

Der Schüler.

Um Feld und Land zu messen.

Strepsiades.

Wohl verloostes Land?

Der Schüler.

Nein, nein, die ganze Erde.

Strepsiades.

Das ist allerliebst!

Das heißt Erfindung, nüzlich, recht für’s Volk gemacht!

Der Schüler.

(auf eine Erdkarte zeigend.)

Hier ist ein Abriß von der ganzen Erde. Sieh!

Da liegt Athen.

Strepsiades.

Wie redest du? Das glaub’ ich nicht;

Denn, wie ich sehe, sizen keine Richter hier.

Der Schüler.

Du darfst mir kecklich glauben: dies ist attisch Land.

Strepsiades.

Wo liegt Kikynna, meiner Zunftgenossen Siz?

Der Schüler.

Da steckt’s mit innen. Hier Euböa, wie du siehst;

Da neben liegt es lang und weit dahingestreckt.

Strepsiades.

Ich weiß; von uns ward’s hingestreckt und Perikles.

Wo liegt denn nur Lakedämon?

Der Schüler.

Wo? Gerade hier.

Strepsiades.

Wie nah bei uns! Darüber denkt nur ernstlich nach,

Daß ihr das Nest da möglichst weit wegschafft von uns!

Der Schüler.

Das ist, bei Gott, unmöglich!

Strepsiades.

Dann steht’s schlimm für euch!

(Er sieht in die Höhe und erblickt den Sokrates in einer Hängematte, in Beschauung des Himmels vertieft.)

Ha!

Wer ist denn der da droben, dort in dem Hängekorb?

Der Schüler.

(feierlich andächtig.)

Er!

Strepsiades.

Welcher Er denn?

Der Schüler.

Sokrates!

Strepsiades.

O Sokrates!

(zu dem Schüler.)

Mein Lieber, höre, schreie mir recht laut ihn an!

Der Schüler.

(macht sich zu thun.)

Ei, rufe du ihn selber: mir gebricht die Zeit.

(geht in’s Haus.)

Fünfte Scene.

Strepsiades. Sokrates.

Strepsiades.

O Sokrates!

O Sokrateschen!

Sokrates.

(langsam und feierlich.)

Tagessohn, was rufst du mich?

Strepsiades.

Vor Allem, bitt’ ich, sage mir, was schaffst du da?

Sokrates.

In den Lüften wandl’ ich, sehe herab auf Helios.

Strepsiades.

So, so? Vom Korb aus siehst du über die Götter weg,

Und nicht von eb’ner Erde?

Sokrates.

Traun, ich hätte nie

Der himmlischen Dinge Wesenheit wahrhaft erforscht,

Wenn nicht Gedanken hohen Schwungs, feinsinnige

Idee’n sich mischten mit der wahlverwandten Luft.

Denn wenn, am Grunde haftend, ich von unten her

Das Droben spähte, fänd’ ich’s nie: die Erde zieht

Die Feuchtigkeit des Denkens mit Gewalt an sich.

Genau dasselbe, wie sich’s bei der Kresse macht.

Strepsiades.

(tief nachsinnend.)

Was sagst du da?

Das Denken sollte Feuchtigkeit in die Kresse zieh’n'? –

Nun komm, o Sokrateschen, steig’ herab zu mir,

Und gieb in dem mir Unterricht, weßhalb ich kam.

Sokrates.

(steigt herab.)

Mein Freund, warum denn kamst du?

Strepsiades.

Reden lernt’ ich gern.

Denn hohe Zinse, Gläubiger von der gröbsten Art,

Die reißen mich, zerren mich, pfänden Hab’ und Gut mir aus.

Sokrates.

Wie kamst du denn in Schulden, unbemerkt dir selbst?

Strepsiades.

Mich rieb ein fressend Uebel auf, die Pferdesucht.

Drum lehre mich von deinen beiden Reden die,

Die Nichts zurückzahlt. Was du nur an Ehrensold

Verlangst, erhältst du, bei den Göttern schwör’ ich es.

Sokrates.

Bei was für Göttern? Denn die Götter sind bei uns

Nicht gangbare Münze.

Strepsiades.

Nun, worauf denn schwöret ihr?

Auf Eisenmünzen etwa, wie die Byzantier?

Sokrates.

Willst du der Götter Wesen aus dem Grund versteh’n,

Wie’s wirklich ist?

Strepsiades.

Ja wahrlich, wenn es möglich ist.

Sokrates.

Und mit den Wolken, die für uns Gottheiten sind,

Im Zwiegespräch verkehren?

Strepsiades.

Ja, von Herzen gern.

Sokrates.

So seze dich auf dieses heilige Lotterbett.

Strepsiades.

Sieh hier, ich size.

Sokrates.

Diesen Kranz nimm jezt von mir.

Strepsiades.

Wozu den Kranz? Ach! Sokrates, ihr werdet doch

Nicht gar mich opfern wollen, wie den Athamas?

Sokrates.

Das nicht; wir nehmen alles dies mit Jedem vor,

Der eingeweiht wird.

Strepsiades.

Was gewinn’ ich denn damit?

Sokrates.

Du wirst im Reden abgefeimt, ein Klappermaul,

Wie Mehl so fein.

(er zerreibt Steine über seinem Kopfe, so daß er mit Steinmehl bedeckt wird; Strepsiades beugt aus und schüttelt sich ab.)

Nur halte still!

Strepsiades.

Das lügst du nicht,

Bei Zeus: zu Mehlstaub werd’ ich, so bestreut bin ich.

Sechste Scene.

Strepsiades. Sokrates. Später der Chor der Wolken.

Sokrates.

(betet in höchster Feierlichkeit.)

Voll Andacht ziemt es zu schweigen dem Greis, und fromm dem Gebete zu lauschen.

Allherrschender Gott, unermeßliche Luft, die den Erdball schwebend emporhält,

Und Aether im Glanz, und o Göttinnen hehr, ihr blizhelldonnernden Wolken,

Steigt auf und dem sinnenden Forscher erscheint, ehrwürdige Frau’n, in den Lüften!

Strepsiades.

(zieht den Mantel über den Kopf.)

Noch nicht, noch nicht, bis den Mantel ich erst umschlug, um dem Regen zu wehren! –

Unseliger ich, daß ohne den Hut ich heute von Haus mich entfernte!

Sokrates.

Auf, auf, o gefeierte Wolken, erscheint und enthüllt ihm eure Gestalten,

Ob auf des Olympos Höhen ihr thront, in den heiligen Schneeregionen,

Ob festliche Reih’n mit den Nymphen ihr schlingt in Vater Okeanos’ Gärten,

Ob ihr eben die Flut an den Borden des Nil einschöpft in die goldenen Eimer,

Ob ihr weilet am See der Mäoten, ob fern auf schneeiger Kuppe des Mimas, –

O hört mich, empfangt mein Opfer mit Huld, und der heiligen Weihen erfreut euch!

Der Chor der Wolken.

(Man hört den Gesang aus der Ferne, von Bliz und Donnerschlägen begleitet.)

Strophe.

Wolken, unendliche Flut!

Hebt euch, leuchtend in ewig beweglichen Thauesgestalten,

Her von dem tosenden Vater Okeanos.

Auf die bewaldeten Häupter erhabener

Berge, von wannen wir

Fern auf schimmernde Warten und heilige

Lande, von Früchten geschwängert, und göttliche

Ströme mit rauschenden Wellen und wogende,

Tiefaufbrausende Meere hinabschau’n!

Denn unermüdet ja leuchtet das Auge des Aethers,

Strahlend in heiterem Glanze.

Auf, von dem thauigen Schleier enthüllen wir

Uns den unsterblichen Leib und betrachten mit

Fernspähendem Auge das Erdreich!

Sokrates.

Ihr hoch ehrwürdigen Wolken erschient und hörtet mich, als ich emporrief!

(zu Strepsiades.)

Du vernahmst doch die Stimm’ und den Donner zugleich, der feierlich brüllte von Zeus her?

Strepsiades.

Ja, ich beuge mich tief, ihr Erhab’nen, vor euch, und des rollenden Donners Geprassel

Entgegenzuknallen, gelüstet mich wohl, ich erbebe vor euch und erzitt’re:

Und ob es erlaubt ist oder auch nicht – ich verhalt’ es nicht länger, ich kacke!

Sokrates.

O laß mir die Possen und mache mir’s nicht, wie des Lustspiels Hefengespenster!

Schweig’ andachtvoll; denn der Göttinnen Schwarm braust eben daher mit Gesängen.

Der Chor der Wolken.

(Der Gesang kommt allmählig näher.)

Gegenstrophe.

Mädchen mit thauendem Haar!

Wallen wir hin zu der Pallas gesegnetem Lande, des Kekrops

Heldengebiet zu begrüßen, das liebliche,

Wo zu der unnennbaren Geheimnisse

Feier das mystische

Haus an den Festen der Weihe sich aufschließt,

Dort, wo heilige Gaben die Himmlischen,

Bilder und ragende Tempel, verherrlichen,

Festzüg’ auch zu den Sizen der Seligen

Wallen, und, lieblich im Kranz, Brandopfer und Mahle

Wechseln im Tanze der Horen:

Heut im Beginne des Lenzes die bacchische

Lust und singender Chöre Bezauberung

Bei schmetterndem Klange der Flöten!

Strepsiades.

Bei Zeus, ich beschwöre dich, sage mir doch, wer sind die Frauen, o Meister,

Die da den Gesang anstimmten so hehr? Sind’s doch nicht gar Heroinen?

Sokrates.

Das nicht; nein, Wolken in himmlischem Raum, für die Müssigen schirmende Götter,

Die Scharfsinn uns, dialektische Kraft und Erkenntniß gnädig verleihen,

Und die rührende Kunst, die beschwazende Kunst und den blendenden Zauber des Wortes.

Strepsiades.

Drum flog auch, als sie die Stimme vernahm, mir empor in den Aether die Seele,

Und es drängt sie bereits, spizfindelnd den Dunst haarfein zu zerlegen mit Worten,

Und Spruch mit Sprüchelchen stechend, ein Wort auf jegliches Wort zu versezen,

Daß (ist es erlaubt) mich sehnlich verlangt, sie jezt mit den Augen zu schauen.

Sokrates.

So wende den Blick zu dem Parnes hin. Schon wandeln sie, seh’ ich, hernieder

Mit gemessenem Schritt.

Strepsiades.

Wo? Zeige mir: wo?

Sokrates.

Hier kommen sie, schreitend in Haufen,

Thalschluchten hindurch und Dickichte durch, dorthin an der Seite.

Strepsiades.

Was ist das?

Ich sehe sie nicht.

Sokrates.

An dem Eingang dort.

Strepsiades.

Jezt endlich, ein wenig, zur Noth noch.

Sokrates.

Jezt siehst du sie doch wohl endlich, wo’s nicht vor dem Auge dir hängt, wie ein Kürbis.

Strepsiades.

Ja, ja, bei’m Zeus! O verehrteste Frau’n!

Sokrates.

Schon füllen sie sämmtliche Räume.

(Der Chor der Wolken hat sich um die Thymele in der Orchestra gelagert.)

Und du wußtest es nicht und du glaubtest es nicht, daß Göttinnen seien die Frauen?

Strepsiades.

Nein, wahrlich, bei Zeus, sie kamen mir stets wie Dunst und Nebel und Thau vor.

Sokrates.

Nicht also, bei Zeus! Nein, wisse vielmehr, die füttern ein Heer von Sophisten,

Heilkünstler die Meng’ und Prophetengezücht, Ringfingerignägelberingte,

Meteorwindbeutel, und Sänger dazu, dithyrambischer Chöre Verschnörkler;

Faullenzer, die nichts thun, füttern sie ab, weil die sie besingen in Versen.

Strepsiades.

Drum sangen sie wohl von des nassen Gewölks blizleuchtendem grimmigem Sturmdrang,

Von den Locken des wirbelnden Hunderthaupts und der wildauftosenden Windsbraut,

Von den luftigen, duftigen Vögeln sodann, krummklauigen Schwimmern im Luftmeer,

Und von strömender Flut aus Regengewölk. Dafür zum Lohne verschlangen

Sie des mächtigen Meeraals leckeres Fleisch und die fettesten Stücke der Drossel.

Sokrates.

Und verdienten sie das um die Göttinnen nicht?

Strepsiades.

Wohl; aber erkläre mir Eines:

Wenn Wolken es sind, leibhaft, in der That, was gleichen sie sterblichen Weibern?

Die droben ja sind ganz andrer Gestalt.

Sokrates.

Nun, wie sind diese gestaltet?

Strepsiades.

Ich weiß nicht recht; doch scheinen sie mir wie flatternde Flocken von Wolle,

Nicht ähnlich den Frau’n, im Entferntesten nicht; und die dort haben ja Nasen.

Sokrates.

Gib denn auf unsere Frage Bescheid.

Strepsiades.

Schnell frage denn, was dich gelüstet.

Sokrates.

Sprich, sahst du, zur Höh’ aufblickend, einmal ein Gewölk, gleich einem Kentauren,

Wohl auch, wie Wolf, wie Pardel und Stier?

Strepsiades.

O warum nicht? Aber wozu das?

Sokrates.

Sie gestalten sich so, wie’s ihnen beliebt. Und sehen sie einen gelockten

Wildfang von den zottigen Wüstlingen dort, wie etwa den Sohn Xenophanteus,

Dann äffen sie spottend die Tollheit nach und verwandeln sich schnell in Kentauren.

Strepsiades.

Und – seh’n sie den Simon, welcher den Raub am Gemeinschatz übte – was thun sie?

Sokrates.

Ihn stellen sie dar nach seiner Natur und verwandeln sich plözlich in Wölfe.

Strepsiades.

Drum auch, drum! Als sie den Mann ohne Schild, den Kleonymos, gestern erblickten,

Kaum sah’n sie die Memme, so wurden sie gleich in flüchtige Hirsche verwandelt.

Sokrates.

So jezt auch, weil sie den Kleisthenes sah’n, drum (siehst du ihn?) wurden sie Weiber.

Strepsiades.

(zu dem Chore der Wolken)

Willkommen mir denn, ihr Erhabenen, hier! Und nun, wenn einem der Menschen,

Laßt schmettern die hochhinschallende Stimm’ auch mir, allwaltende Jungfrau’n!

Die Chorführerin.

(zu Strepsiades:)

Willkommen, o Greis, vieljähriges Haupt, du Waidmann hoher Gedanken!

(zu Sokrates:)

Und Priester der spizesten Tollheit du, sprich, was du begehrst zu vernehmen!

Denn keinem der Anderen leih’n wir Gehör von den heutigen Forschern im Luftraum,

Wie dem Prodikos, den wir um seinen Verstand, als sinnigen Grübler bewundern,

Und dir, da du stolz in den Gassen dich blähst und die trozigen Augen umherwirfst,

Und, barfuß stets, viel Noth ausstehst, und zu uns so gewichtig emporschaust.

Strepsiades.

Ach Erde, wie tönt die Stimme so hehr, wie feierlich, übernatürlich!

Sokrates.

Ja, sie, nur sie sind Göttinnen uns, und das Andere alles ein Schnickschnack.

Strepsiades.

Und Zeus – bei der Erde beschwör’ ich dich, Herr – ist Zeus, der Olympier, kein Gott?

Sokrates.

Ah, was für ein Zeus? Wie faselst du da! Kein Zeus lebt!

Strepsiades.

Was du behauptest!

Wer regnete denn? Dies mußt du mir doch vorerst und vor Allem erklären.

Sokrates.

(auf die Wolken deutend)

Die wohl: wer sonst? Ich will es dir gleich mit entscheidenden Gründen beweisen.

Wo hast du den Zeus denn ohne Gewölk nur Einmal regnen gesehen?

Das müßt’ er ja thun bei heiterer Luft, und die da wären auf Reisen.

Strepsiades.

Bei’m großen Apoll, das hast du mir nun mit dem bündigsten Worte bewiesen!

Sonst meint’ ich im Ernst, daß der regnende Zeus durch ein Sieb abschlage das Wasser.

Doch wer ist der Donnerer, sage mir noch: der macht mich zittern und beben.

Sokrates.

Sie donnern, sie selbst, hoch rollend, daher.

Strepsiades.

Wie so, „du Verwegner in Allem“?

Sokrates.

Wenn sie, mächtig geschwellt von den Massen der Flut, aus innerem Drang sich bewegen,

Voll Regen darauf sich senken herab, dann prallen die wogenden Wasser

Mit gewaltiger Wucht an einander im Sturz und bersten entzwei mit Getose.

Strepsiades.

Doch – ist es der Zeus nicht, der mit Gewalt sie treibt, sich fortzubewegen?

Sokrates.

Nicht doch; der ätherische Umschwung ist’s.

Strepsiades.

Umschwung? Ich hörte noch niemals,

Daß Zeus nichts ist, und für Zeus nunmehr als König gebietet der Umschwung.

Doch hast du noch nicht mir das Donnergeroll und den Grund des Getoses erläutert.

Sokrates.

So verhörtest du, was ich dir eben gesagt von den regengeschwängerten Wolken,

Wenn eine davon an die andere prallt, dann tosen sie wegen der Spannung.

Strepsiades.

Wie soll ich mir das vorstellen?

Sokrates.

Ich will’s an deiner Person dir erläutern.

Wohl fülltest du schon an den Panathenä’n mit Brüh’n dir den Magen: erhob sich

Da nicht alsbald im Gedärm ein Tumult mit entsezlichem Knurren und Prasseln?

Strepsiades.

Ja wohl, da wurmt es dem Magen sogleich, er geräth in gewaltigen Aufruhr,

Und das Süppchen im Leib, das poltert und dröhnt graunvoll, wie die Stimme des Donners.

Im Anfang thut’s ganz leise Papax, Papapax, dann stärker Papappax;

Und bin ich im Stuhl, dann donnert es laut Papapappax, völlig wie die da.

Sokrates.

Nun denke dir nur, wie gewaltig du schon mit dem winzigen Bäuchelchen Lärm machst,

So begreifst du’s leicht, wie der Luftkreis dort, der unendliche, fürchterlich donnert.

Strepsiades.

Drum klingen sich gleich die Benennungen auch, wie Donnergeknall, so der Darmschall.

Doch erkläre mir noch, wo der schmetternde Keil her fährt mit der leuchtenden Flamme,

Der, wen er erschlägt, zur Asche verbrennt, und versengt, die lebend davongehn.

Den sendet ja Zeus ganz sichtbar herab, meineidige Frevler zu strafen.

Sokrates.

Wie kommt’s denn, du Narr aus kronischer Zeit, altgläubiger Mährchenerzähler,

Wenn Zeus Meineidige straft mit dem Bliz, daß nicht auch Simon verbrannte,

Der Theoros nicht, der Kleonymos nicht, solch erzmeineidige Sünder?

Er schlägt in den eigenen Tempel sogar und in Sunion, „Attika’s Berghaupt“,

In die stämmigen Eichen: warum denn das? Gibt’s auch meineidige Bäume?

Strepsiades.

Weiß nicht; doch glaub’ ich, du hast wohl Recht. Was ist denn also der Blizstrahl?

Sokrates.

Wenn trockener Wind in die Lüfte sich hebt und

(auf die Wolken zeigend)

hier in die Wolken sich einfängt,

Dann schwellt er von innen wie Blasen sie auf, und von eigenem Drange getrieben,

Durchbricht er sie flugs, drängt dann sich heraus voll Heftigkeit wegen der Spannung,

Und entzündet sich selbst und verzehrt sich sogleich von dem zischenden Stoß und der Reibung.

Strepsiades.

Bei’m Zeus, das ist mir ja selber einmal am Diasienfeste begegnet.

Da briet ich den Vettern ein Magengefüll und vergaß, Einschnitte zu machen:

Nun blies es sich auf, und mit Einmal sofort auseinandergeplazt in der Mitten,

Schoß Alles heraus, mir gerad’ in’s Gesicht, und verbrannte mir’s oben und unten.

Die Chorführerin.

(zu Strepsiades.)

Mann, der du der Weisheit heiliges Gut von uns zu gewinnen verlangtest,

Wie glücklich wirst du dereinst in Athen und in Hellas’ Landen erscheinen,

Wenn Tiefsinnskraft und Gedächtnißkraft und Geduld bei Leiden und Mühsal

In der Seele dir wohnt, und du nimmer im Steh’n und nimmer im Geh’n dich ermüdest,

Auch Frost ausstehst und darob nicht klagst, auch nie dich sehnst nach dem Frühstück,

Und den Wein dir versagst, die Gymnasien fliehst und die anderen Werke der Thorheit,

Und wie’s dem verständigen Manne geziemt, allzeit es erkennst für das Beste,

In der That und im Rath und im Zungengefecht als Sieger das Feld zu behalten!

Strepsiades.

Nun, wenn du verlangst ein beharrlich Gemüth und ein schlaflos nächtliches Grübeln,

Und genügsamen Sinn bei bellendem Bauch und Salat von dem magersten Isop:

So vertraue getrost; ich erbiete mich gern, mir Erz auf dem Magen zu schmieden.

Sokrates.

So gilt fortan dir Keiner als Gott, kein Einziger außer den unsern:

Dies Chaos hier und die Wolken umher und die mächtige Zunge, die drei nur?

Strepsiades.

Nie red’ ich hinfort mit den andern ein Wort, und träf’ ich sie selbst auf der Straße;

Nie bring’ ich für sie Brandopfer und Trank; nie spend’ ich ein Körnchen des Weihrauchs.

Die Chorführerin.

Nun sage getrost: was willst du von uns? Nicht fruchtlos bittest du wahrlich,

Weihst Ehre du nur und Bewunderung uns, und bemühst du dich, wacker zu werden.

Strepsiades.

Allherrschende Frau’n, so fleh’ ich zu euch, dies Kleine mir nur zu gewähren:

Laßt hundert Meilen voran mich geb’n dem gewandtesten Redner in Hellas!

Die Chorführerin.

Nun, das wird gerne von uns dir gewährt: forthin soll Keiner von heut an,

Wie du, vor versammeltem Volke das Feld in den mehresten Händeln behaupten!

Strepsiades.

O rede mir nicht von den Händeln im Staat; denn nicht nach Solchem verlangt mich,

Nein, nur so für mich an dem Rechte zu dreh’n, und die Gläubiger tüchtig zu prellen.

Die Chorführerin.

So werde dir denn, wonach du dich sehnst; denn nicht nach Großem verlangt dich:

Nur gib dich mit Leib und mit Seele getrost in die Obhut unserer Priester!

Strepsiades.

Das will ich thun im Vertrauen auf euch; denn hiezu treibt mich die Nothdurft

Um das Pferdegespann, dies Koppagezücht, und die Heirat, welche mich aufrieb.

(für sich.)

Nun mögen sie nur, was ihnen beliebt,

Vornehmen mit mir!

Ich gebe den Leib hier ihnen dahin,

Ihn zu schlagen, zu plagen mit Hunger und Durst,

Mit Hize, mit Frost, ihn zu gerben zum Schlauch.

Und wind’ ich mich nur aus den Schulden heraus,

Dann möge die Welt mich immer verschrei’n

Als mundfrech, dummdreist, schamlos, grob,

Unflätigen Wicht, Lug schmiedend und Trug,

Als Klauber am Wort, als Schrauber am Recht,

Fuchs, Landrecht, Windhund, klapperndes Maul,

Als Prahlhans, Tückbold, Heuchler und Strick,

Schelm, Griesgram, Neidhard, Widerwart

Und Schmarozergesicht!

Ja, nennen mich dann die Begegnenden so,

Mag Jeder mir thun, was Jedem beliebt;

Und wollen sie gar,

Dann, bei der Demeter, tische man mich

Als Blutwurst auf den Sophisten!

Die Chorführerin.

(zu Sokrates)

Kühnen Sinn zeigt dieser Jünger,

Nie verzagten,

Stets gefaßten.

(zu Strepsiades)

Wisse nun,

Lernst du die Dinge von uns, so beglückt dich auf Erden

Himmelhoher Nachruhm!

Strepsiades.

Was wird mir dann?

Die Chorführerin.

Die seligsten Tage, wie sonst

Kein Sterblicher, wirst du hinfort

Mit uns durchleben.

Strepsiades.

Soll ich in Wahrheit dieses erleben noch?

Die Chorführerin.

Freilich; noch mehr! Stets werden sich

Schaaren an deiner Thüre lagern,

Um sich mit dir zu besprechen, von dir sich belehren zu lassen,

Klagen um viele Talent’ und Gegenklagen

Deinem erprobten Geschicke,

Wie sich’s gebührt, zu vertrau’n.

(zu Sokrates,)

Auf, nun greif’ an, laß kosten den Greis von der künftigen Lehre den Vorschmack,

Reg’ auf die Gedanken in seinem Gehirn, und erforsche mir seinen Verstand erst!

Sokrates.

Wohlan, beschreibe du mir deines Geistes Art,

Um, wenn ich Einmal über ihn im Klaren bin,

Mit neuem Zeuge demgemäß dich anzugehn.

Strepsiades.

Wie, was? Belagern willst du mich? O Götter, helft!

Sokrates.

Nein; nur in Kürze wissen möcht’ ich Eins von dir:

Hast du Gedächtniß?

Strepsiades.

Allerdings, und zweierlei:

Ist Einer mir was schuldig, da behalt’ ich leicht;

Bin ich der Schuldner, (wehe mir!) vergess’ ich leicht.

Sokrates.

Bist du zum Vortrag etwa von Natur geschickt?

Strepsiades.

Nein, nicht zum Vortrag, aber zum Wegtragen wohl.

Sokrates.

Wie kannst du nun noch lernen?

Strepsiades.

Gut; da sorge nicht.

Sokrates.

So gib denn Achtung: werf’ ich etwas Weises dir

Von überirdischen Dingen vor, gleich schnapp’ es weg.

Strepsiades.

Wie? Was? Die Weisheit schnappt’ ich auf nach Hundesart?

Sokrates.

Ganz ungebildet, ein Barbar ist dieser Mensch! –

Ich fürchte, Graukopf, wohl bedarfst du Schläge noch.

Was thust du, wenn dich Einer klopft?

Strepsiades.

Ich lasse mich

Erst klopfen, wart’ ein Weilchen, rufe Zeugen an,

Und harre wieder ein Weilchen, und dann flugs vor Amt.

Sokrates.

Frisch! Abgelegt den Mantel!

Strepsiades.

Was verbrach ich denn?

Sokrates.

Nichts; doch Gesez ist’s, ohne Kleid hineinzugehn.

Strepsiades.

Haussuchung hier zu halten, geh’ ich nicht hinein.

Sokrates.

Leg’ ab! Wozu das Schwazen?

Strepsiades.

(Oberkleid und Schuhe werden ihm abgenommen.)

Nur dies Eine noch:

Wenn ich mit Eifer lerne, wenn ich fleißig bin,

Sprich, welchem deiner Schüler werd’ ich ähnlich dann?

Sokrates.

Dann stehst du meinem Chärephon nicht nach an Geist.

Strepsiades.

O weh mir Armen! Zum Gespenste werd’ ich dann!

Sokrates.

Nun plapperst du nicht weiter, sondern folgst mir nach,

Und eilends – hierher – eilig!

Strepsiades.

In die Hände gib

Mir einen Honigkuchen erst; ich fürchte sehr,

Da steig’ ich wohl hinunter – zum Trophonios!

Sokrates.

Fort!

Was hast du noch zu schnüffeln an der Thüre da?

(Beide gehen ab in das Innere des Hauses.)

Der Chor.

Zieh’ hin im Glück, da du männlichen Muths

Dich solches erkühnst!

Heil und Gedeihen diesem Mann,

Daß er, obwohl des Lebens

Ziele bereits nahe gerückt, doch seinen Geist

Noch an des neuen Wissens Born

Erfrischt und sich

Gibt in die Zucht der Weisheit!

Parabase.

Der Dichter an die Zuschauer.

(Für die zweite Vorstellung der Wolken.)

Ihr Athener, laßt mich einmal euch die Wahrheit frei heraus

Sagen, ja bei Semele’s Sohn, der mich großgezogen hat!

So gewiß ich wünsche den Sieg und den Ruhm der Meisterschaft,

So gewiß verehr’ ich in euch feine Kenner meiner Kunst;

Aber auch dies komische Stück acht’ ich als mein bestes Werk,

Sezt’ es euch auch darum zuerst wiederum zu kosten vor,

Weil mir’s gar viel Mühe gemacht. Doch ich trat gleichwohl zurück,

Unverdient von Tölpeln verdrängt. Deßhalb klag’ ich nun vor euch

Feinen Kennern, denen zu Lieb’ ich mir all die Mühe gab.

Dennoch geb’ ich Keinen von euch, der gescheit ist, treulos auf.

Denn seit hier von Männern, die schon anzureden Freude macht,

„Tugendsam und Liederlich“ einst großen Beifall sich gewann,

Das ich – Jungfrau war ich ja noch, durfte noch nicht Mutter sein –

Aussezt’ und ein anderes Weib freundlich auf die Arme nahm,

Und das Ihr großmüthigen Sinns hegtet dann und auferzogt:

Ja, seitdem hat treu sich und fest eure Huld an mir bewährt.

Gleich Elektra kommt sie denn hier heute, die Komödia,

Spähend, ob sie feinen Geschmack finde so, wie ehedem;

Denn Orestes’ Locken erkennt sie gleich auf den ersten Blick.

Seht, wie sittsam die sich benimmt: erstlich trägt sie nirgends vorn

Angenäht ein ledernes Ding, das, am Schnabel roth und dick,

Niederbaumelt, daß sich darob lachend alle Kinder freu’n;

Auch des Kahlkopfs spottet sie nicht, dreht sich nicht im Wirbeltanz;

Auch kein alter verselnder Geck schwingt auf Jeden, der ihm naht,

Seinen Knotenstock und vertreibt schalen Spott und schlechten Wiz;

Nicht mit Fackeln stürmt sie herein, heult auch nicht „weh, wehe mir!“

Nein, auf sich und ihren Gehalt kühn vertrauend, tritt sie auf.

Und obwohl ein solcher Poet, prunk’ ich nicht mit hohem Busch,

Lege niemals, euch zum Betrug, Eines zwei- und dreimal auf,

Sondern stets auf Neues bedacht, führ’ ich euch Gestalten vor,

Die in Nichts einander verwandt, alle fein und treffend sind.

Schlug ich doch, wie mächtig er war, einst den Kleon auf den Bauch,

Aber trat nicht weiter auf ihn, als er todt im Staube lag.

Doch die dort, nachdem sich einmal Blößen gab Hyperbolos,

Stampfen auf den ärmlichen Wicht stets und seine Mutter los.

So zuerst schleppt’ Eupolis uns seinen Marikas herbei;

– Meine Ritter waren es nur – schmählich! Ein gewendet Kleid!

Nur ein altes trunkenes Weib schob er für den Kordax ein,

Das er keck dem Phrynichos stahl, wie das Ungethüm es fraß.

Dann kommt auch Hermippos und macht Etwas auf Hyperbolos,

Kommen all die Anderen schon, hämmern auf Hyperbolos,

Aeffen mir die Gleichnisse nach, „wie man Aal’ im Trüben fischt.“

Wer von euch dergleichen belacht, freue sich des Meinen nicht;

Doch wenn mich, und was ich erfand, euch zu hören Freude macht,

Wird man auch in künftiger Zeit eurer Kennerschaft vertrau’n.

Erster Halbchor.

Strophe.

Der in den Höhen waltet, dich,

Mächtiger Fürst der Götter, Zeus,

Ruf’ ich zuerst zum Festreih’n!

Auch des Tridentes Schwinger, Dich, groß an Gewalt,

Der du die Erd’ und salziges Meer

Gräßlich erschütternd aufwühlst!

Unseren Vater sodann, den gefeierten

Aether in heiligem Glanz, den Beleber des Weltalls,

Und ihn, den roßlenkenden Gott,

Der in leuchtende Strahlen die Welt

Einhüllt, unter den Göttern groß,

Und groß unter den Menschen!

Die Chorführerin.

(an die Zuschauer.)

Ihr, der Kunst hochweise Kenner, richtet hierher euren Sinn!

Euch verklagen wir vor euch hier, weil ihr Unrecht übt an uns.

Uns, die mehr denn alle Götter Segen schaffen dieser Stadt,

Bringt ihr doch von allen Göttern weder Trank noch Speise dar,

Uns allein, die euch behüten. Denn so oft ihr unbedacht

Euch entschließt in’s Feld zu rücken, donnern oder regnen wir.

Als den gottverhaßten Gerber, jenen Paphlagonier,

Ihr zum Feldherrn wähltet, zogen wir erzürnt die Brauen ein,

Thaten grimmig, und „der Donner fuhr herab aus hellem Bliz;“

Auch Selene trat aus ihren Bahnen, und der Sonnengott

Zog den Docht der Lampe schleunig in sich selbst zurück und schwur,

Euch hinfort nicht mehr zu leuchten, führe Kleon euch in’s Feld.

Doch erkort ihr ihn zum Feldherrn: denn man sagt, verkehrter Rath

Sei in dieser Stadt zu Hause, doch die Gottheit wende das,

Was ihr etwa schlimm gemacht habt, allezeit zum Besseren.

Und wie dies auch wieder frommen müsse, leicht erklär’ ichs euch.

Wenn ihr Kleon erst, den Häscher nach Geschenk und Raub, ergreift,

Und sodann in schwerer Fessel ihm den Hals zusammenschnürt,

Wird nach alter Weise wieder, wenn ihr Etwas schlimm gemacht,

Alles sich in’s Bess’re kehren zum Gedeih’n für eure Stadt.

Zweiter Halbchor.

Gegenstrophe.

Nahe mir, Herrscher Phöbos, auch,

Delier, der auf Khythos’ Höh’n

Thront, dem erhab’nen Felshorn;

Ephesos’ Göttin, die im goldstrahlenden Haus

Waltet mit Macht, wo Lydia’s

Töchter dich hoch verehren;

Heimische Göttin, auch du, die Beschirmerin

Unserer Stadt, von der Aegis umrauscht, Athenäa;

Auch nahe du, der, des Parnaß

Höh’n umschwärmend, von Fackeln umstrahlt,

Reigen delischer Frauen führt,

Freudengott Dionysos!

Die Chorführerin.

(an die Zuschauer.)

Als wir eben uns bereitet, unsern Gang hieher zu gehn,

Traf die Mondgöttin am Weg uns, und befahl uns dies an euch:

Einen Gruß zuerst Athenä’s Bürgern und Verbündeten;

Dann, sie sei euch bitterböse; denn man spiel’ ihr übel mit,

Da sie doch euch allen nüze, nicht mit Worten, durch die That:

Erst an Fackellicht im Monat Eine Drachme mindestens,

Daß ein Jeder, der am Abend auszugeh’n sich rüstet, spricht:

„Junge, kauf’ heut keine Fackel; denn das Mondlicht ist so schön.“

Noch von andern Diensten sprach sie; dennoch (meint sie) schenket ihr

Nicht den Tagen Acht, und mengt sie durch einander kreuz und quer.

Darum (sagt sie) drohen ernstlich ihr die Götter jedesmal,

Wenn sie wieder um ein Opfermahl getäuscht nach Hause geh’n,

Nicht erfreut durch eine Feier nach der alten Tage Zahl.

Denn an Tagen, wann ihr opfern solltet, richtet, foltert ihr;

Oft dagegen, wann wir Götter einen Fasttag haben, sei’s,

Daß wir um Sarpedon trauern, oder auch um Memnons Fall,

Sprengt ihr Wein und schäkert. Darum rissen wir dem Hyperbolos,

Als er heuer Bote war am Bundesgericht, den Kranz vom Haupt,

Wir, die Götter: so gewizigt, lernt er’s besser wohl hinfort,

Daß man seine Lebenstage nach dem Mondlauf ordnen soll.

Zweiter Act.

Erste Scene.

Sokrates. Strepsiades. Der Chor.

Sokrates.

(mit Heftigkeit aus dem Hause tretend.)

Bei’m Athemzug, bei’m Chaos, bei des Himmels Luft!

Nein, solchen Bauer sah ich nie mein Lebenlang,

So linkisch und vergeßlich und so tölpelhaft,

Der, nun er ganz armselige Düfteleien lernt,

Bevor er lernte, schon vergißt! Indeß – noch Eins!

Ich ruf’ ihn hierher vor die Thür, heraus an’s Licht.

(er ruft hinein.)

Strepsiades, heda! Komm heraus mit deinem Stuhl.

Strepsiades.

(innen.)

Vor lauter Wanzen bring’ ich ihn nicht fort von hier.

Sokrates.

Auf, hurtig!

(Strepsiades kommt heraus.)

Sez’ ihn nieder und merk’ auf!

Strepsiades.

Zu Dienst!

Sokrates.

Nun, sage, was vor Allem du jezt lernen willst,

Wovon du niemals Etwas hörtest: sag’ es frei!

Von den Maßen oder Rhythmen oder vom Gedicht?

Strepsiades.

Ach ja, die Maße, bitt’ ich.; denn vor kurzem erst

hat mich der Mehlverkäufer um zwei Maß geprellt.

Sokrates.

Nicht dieses frag’ ich, sondern ob Dreimesser, ob

Viermesser von den Maßen dir das schönste dünkt?

Strepsiades.

Mir dünken, traun, vier Mäßchen über Alles werth.

Sokrates.

Mensch, wie verkehrt du redest!

Strepsiades.

Wette nur mit mir,

Ob, was du nennst Viermesser, nicht vier Mäßchen hält.

Sokrates.

Zum Geier, wie beschränkt du bist, wie tölpelhaft! –

Vielleicht indeß begreifst du von den Rhythmen was?

Strepsiades.

Was helfen mir die Rhythmen für mein täglich Brod?

Sokrates.

Erst, daß du dich in Cirkeln hübsch und fein benimmst,

Zugleich genau dir merkest, welcher Art der Takt

Des Waffentanzes, welcher Art der gerade sei.

Strepsiades.

Der gerade? Den (Zeus weiß es!) kenn’ ich.

Sokrates.

Rede denn.

Strepsiades.

Was anders ist gerader als der Finger hier?

(indem er unanständige Geberden macht)

Als kleiner Knabe streckt’ ich so den andern aus.

Sokrates.

Wie bäurisch, Mensch, wie linkisch!

Strepsiades.

Nein, Armseliger!

Davon zu lernen wünsch’ ich nichts.

Sokrates.

Und was denn sonst?

Strepsiades.

Nur Eines, Eines, nur des Unrechts Redekunst.

Sokrates.

Noch Andres mußt du lernen, ehe dieses kommt:

Vierfüßige Thiere nenne mir, die männlich sind.

Strepsiades.

Ich wäre rasend, wüßt’ ich nicht, was männlich ist:

Der Bock, der Widder, dann der Stier, der Hund, der Spaz.

Sokrates.

Sieh nur, so geht’s dir! Sie, das Weibchen, nennst du Spaz,

Und Ihn, das Männchen, nennst du völlig ebenso.

Strepsiades.

Wie meinst du?

Sokrates.

Wie? Wie? Hier ein Spaz, und dort ein Spaz.

Strepsiades.

Ja, bei’m Poseidon! Aber nun – wie nenn’ ich’s recht?

Sokrates.

Du nennst das Weibchen Späzin und das Männchen Spaz.

Strepsiades.

Der Spaz, die Späzin! Köstlich, bei des Himmels Luft!

So daß ich dir für diesen Unterricht allein

Mit Mehl den Backtrog bis zum Rande füllen muß.

Sokrates.

Sieh doch, ein neuer Schnizer! Backtrog sagst du da,

Als ob es männlich wäre, da’s doch weiblich ist.

Strepsiades.

Wie? Wäre Backtrog weiblich?

Sokrates.

Wie Kleonymos

Auch weiblich enden sollte.

Strepsiades.

Wie verstehst du das?

Sokrates.

Dir geht der Backtrog also wie Kleonymos.

Strepsiades.

Ach, Freund, ein Backtrog fehlte dem Kleonymos,

Weßhalb er Mehl im runden Mörser knetete.

Doch sage mir, wie muß ich künftig sagen?

Sokrates.

Wie?

Backtrögin sagst du, wie du sagst die Sostratin.

Strepsiades.

Backtrögin also weiblich?

Sokrates.

Richtig sagst du so.

Strepsiades.

Dann hätten wir Backtrögin und Kleonymin.

Sokrates.

Nun mußt du mir von den Eigennamen lernen noch,

Was männlich unter diesen und was weiblich ist.

Strepsiades.

Was weiblich ist, das weiß ich recht gut.

Sokrates.

Sage denn.

Strepsiades.

Lysilla, Philinna, Kleitagora, Demetria.

Sokrates.

Und welche dann sind männlich?

Strepsiades.

Viele tausende:

Philoxenos, Melesias, Amynias.

Sokrates.

Nun, diese sind nicht männlich, Unglückseliger.

Strepsiades.

Sie gelten euch nicht männlich?

Sokrates.

Nimmermehr; denn sprich:

Wie rufst du wohl, begegnet dir Amynias?

Strepsiades.

Wie? Komm doch, ruf’ ich, komm doch her, Amynia!

Sokrates.

Sieh: einem Weibe rufst du, der Amynia.

Strepsiades.

Und das mit Recht doch, weil er nicht zu Felde zieht? –

Doch was erlern’ ich Dinge da, die Jeder weiß?

Sokrates.

Nein, wahrlich! Aber seze dich jezt hier –

(auf den Stuhl zeigend)

Strepsiades.

Und dann?

Sokrates.

Und denke dir von deinen Sachen Etwas aus.

Strepsiades.

Hier nicht, um alle Götter nicht! Nein muß es sein,

So laß darauf mich denken an der Erde hier.

Sokrates.

Hieher! Es geht nicht anders!

(Strepsiades sezt sich. Sokrates geht in das Haus.)

Zweite Scene.

Strepsiades. Der Chor.

Strepsiades.

Ach, wie werd' ich heut

Den Wanzen büßen müssen, ich Unseliger!

Der Chor.

Strophe.

Nun sinne nach, grüble mit Fleiß!

Wende nach allen Seiten

Den Geist und drill’ ihn!

Doch wenn du zu tief dich verwickelt hast,

Schnell spring’ in andre

Gedanken ab; der süße Schlaf

Bleibe dem wachen Auge fern!

Strepsiades.

(fährt vom Stuhle auf.)

Jammer und Weh! Jammer und Weh!

Der Chor.

Was hast du? Was plagt dich?

Strepsiades.

Ich Armer bin verloren! So zerbeißen mich

Die Wanzenauer, kriechend aus dem Polster hier,

Und hacken das Fleisch an den Ribben mir ab,

Und zapfen das Blut aus dem Leibe mir ab,

Und zwicken und zerren die Hoden mit ab,

Und wühlen mir tief in den Steiß, und hinab

(Ach!) muß ich in’s Grab!

Der Chor.

O quäle dich nicht so jämmerlich ab!

Strepsiades.

Und was denn thun?

Mein Gut ist hin, und die Farbe dahin,

Und das Herzblut hin, und die Schuhe dahin,

Und zu alle dem Elend muß ich mich noch

Wach singen, bis auch

Mein fliehendes Leben dahin ist!

(er schläft ein.)

Dritte Scene.

Sokrates. Strepsiades. Der Chor.

Sokrates.

(kommt aus dem Hause.)

Was thust du, Freundchen? Grübelst du recht eifrig?

Strepsiades.

(sich ermunternd)

Ich?

Ja, bei’m Poseidon!

Sokrates.

Und worüber grübelst du?

Strepsiades.

Ob vor den Wanzen mir ein Stück am Leibe bleibt.

Sokrates.

Fahr’ hin zur Hölle!

Strepsiades.

Guter Herr, da bin ich schon.

Sokrates.

Thu nicht so weichlich, hülle dich nur tüchtig ein:

Denn finden muß sich endlich eine Wolfsidee,

Ein kühner Handgriff.

Strepsiades.

Wehe mir! Wer schüttelt doch

Mir aus dem Lämmerpelze Wolfsidee’n heraus?

(er hat sich den Kittel über die Ohren gezogen und sizt vertieft, während Sokrates gravitätisch auf und ab geht.)

Sokrates.

(nach einer Weile.)

Wohlan, ich muß doch sehen, was er treibt, der Mensch!

(er rüttelt ihn.)

Heda, du schläfst wohl?

Strepsiades.

Bei’m Apoll, ich schlafe nicht.

Sokrates.

Nun, hast du was?

Strepsiades.

Zeus weiß es, nichts!

Sokrates.

Wie, völlig nichts

Strepsiades.

Nichts, als in meiner rechten Hand das Ding an sich.

Sokrates.

Jezt wickle dich ohne Säumen ein und denke nach!

Strepsiades.

Worüber? Das erkläre mir, mein Sokrates.

Sokrates.

Durchdenke selbst erst was du willst und sage mir’s.

Strepsiades.

Nun, was ich will, das hörtest du schon tausendmal:

Der Zinse wegen, daß ich Niemand zahlen will.

Sokrates.

Auf, wickle dich ein, die Grundbegriffe fasse scharf

In’s Auge, haarklein grüble dann die Sachen durch,

Und theile fein ab und bestimmt.

Strepsiades.

Ich Armer, weh!

Sokrates.

Nur still! Und kommst du mit den Idee’n nicht weiter fort,

So laß sie fahren! Später lenkst du wiederum

Den Sinn darauf und wägst es grübelnd hin und her.

Strepsiades.

(in höchster Freude.)

Mein allerliebster Sokrates!

Sokrates.

Nun, Alter, was?

Strepsiades.

Jezt hab’ ich eine Wolfsidee für meinen Zins.

Sokrates.

So laß sie hören!

Strepsiades.

Sage mit einmal –

Sokrates.

Und was?

Strepsiades.

Wie? Kauft’ ich eine Zauberin Thessalia’s,

Und zöge Nachts den Mond herab, verschlösse dann

In eine runde Kapsel ihn, dem Spiegel gleich,

Und hielte so ihn festverwahrt, – wie wär’ es wohl?

Sokrates.

Was aber könnte solches dir denn nüzen?

Strepsiades.

Was?

Ich brauchte, käme nirgend mehr der Mond herauf,

Die Zinse nicht zu zahlen.

Sokrates.

Wie? Warum denn das?

Strepsiades.

Nun, weil das Geld um jeden Neumond Zinse trägt.

Sokrates.

Gut! Höre nun ein Andres noch, das Geist verlangt.

Wenn eine Klag’ auf fünf Talente wider dich

Erhoben wird, wie schaffst du die zur Seite? Sprich!

Strepsiades.

Wie? Wie? Ich weiß nicht. Aber finden muß ich’s doch.

(er sinnt nach mit ungeberdiger Anstrengung.)

Sokrates.

Nicht um dich selber drehe dich so eingeschrumpft;

Nein, laß die Gedanken flattern in die Luft hinaus,

Frei, wie den Grüngoldkäfer mit dem Zwirn am Fuß.

Strepsiades.

Ich fand das schlauste Mittel zur Beseitigung

Der Klage, wie du selber mir bezeugen wirst.

Sokrates.

Und was?

Strepsiades.

Du hast in Balsambuden wohl einmal

Den Stein gesehn, den schönen, ganz durchsichtigen,

Womit sie Feuer machen?

Sokrates.

Meinst du Brennkrystall?

Strepsiades.

Den eben.

Sokrates.

Und was weiter nun?

Strepsiades.

Ich nehme den,

Indeß der Schreiber jene Klage niederschreibt,

Entferne mich ein wenig nach der Sonne hin,

Und schmelz’ ihm unterm Griffel dann die Klage weg.

Sokrates.

Schlau, bei den Huldgöttinnen!

Strepsiades.

Ei, wie freut es mich,

Daß ich die Fünftalentenklage weggeschafft!

Sokrates.

Auf, greife schnell jezt etwas Andres an!

Strepsiades.

Und was?

Sokrates.

Wie wehrtest du des Gegners Klage vor Gericht,

Wenn dir ein Schuldig drohte, weil’s an Zeugen fehlt?

Strepsiades.

Leicht! Eine Kleinigkeit!

Sokrates.

So sprich.

Strepsiades.

Ich rede schon.

Ich liefe weg, stünd’ Eine Sache noch zum Spruch,

Bevor’s an meinen Handel kommt, und hängte mich.

Sokrates.

Du redest albern.

Strepsiades.

Nein, bei Gott, ich habe Recht!

Denn wenn ich todt bin, dann verklagt kein Mensch mich mehr.

Sokrates.

Unsinnig! Fort du! Solchen Schüler hab’ ich satt.

Strepsiades.

Warum? Um alle Götter, ach, mein Sokrates!

Sokrates.

Sogleich vergissest du wieder, was du kaum gelernt.

Denn sage: was war’s, das ich dich zuerst gelehrt?

Strepsiades.

Laß seh’n! Wie hieß das Erste doch – das Erste – ja –

Wie hieß das Ding gleich, wo der Teig geknetet wird?

Mein Gott, wie hieß es?

Sokrates.

Auf den Rabenstein mit dir,

Du vergeßliches, unbeholf’nes altes Ungethüm!

Strepsiades.

O weh! Wie wird mir’s endlich gehn, mir armen Tropf!

Ich muß verkommen, lern’ ich nicht das Wortverdrehn.

(zu dem Chore:)

Doch nein, ihr Wolken, gebet ihr mir guten Rath!

Die Chorführerin.

Wir, lieber Alter, geben dir den guten Rath:

Hast du daheim noch einen großgewachs’nen Sohn,

So schicke den her, daß er lernt an deiner Statt.

Strepsiades.

Ja freilich hab’ ich einen Sohn: ein wackrer Mensch!

Nur will er mir nicht lernen. Ach, was fang’ ich an?

Die Chorführerin.

Du duldest das?

Strepsiades.

Der Junge strozt von Kraft und Mark,

Von Kösyra’s hochfliegend stolzer Art entstammt.

Doch will ich gleich ihn holen. Weigert er sich dann,

So ist’s vorbei, ich jag’ ihn aus dem Hause fort.

(zu Sokrates)

Du geh’ hinein und wart’ ein wenig noch auf mich.

(geht ab.)

Der Chor.

Gegenstrophe.

Wohl merkst du nun, welchen Gewinn

Uns du verdankst, allein uns

Von allen Göttern?

Er ist ja zu Allem bereit, der Mann,

Was du gebietest.

Du siehst, wie ganz verduzt er ist,

Wie er sich hoch hinaufgeschraubt:

Flugs denn, und saug’ Alles ihm aus, was du vermagst!

Es entschlüpft so gar leicht

Solch ein Genuß, und du hast das Nachseh’n!

(Sokrates geht ab in’s Haus.)

Dritter Act.

Erste Scene.

Strepsiades. Pheidippides. Der Chor.

Strepsiades.

Nicht länger mehr, bei’m Nebel, bleibst du hier im Haus!

Geh hin und iß dich an Megakles’ Säulen satt!

Pheidippides.

O Wunderlicher! Vater, was ist dir geschehn?

Wohl bist du, bei’m olymp’schen Zeus, nicht recht gescheit.

Strepsiades.

(lachend.)

Da seht mir, seht! Olympischer Zeus! O Geckerei!

Der glaubt, der alte große Mensch, noch an den Zeus!

Pheidippides.

Was lachst du denn darüber?

Strepsiades.

Weil ich denke, du

Seist kindisch, daß du solch verlegne Mährchen glaubst.

Indessen komm und lerne, daß du klüger wirst;

Ich will dir Etwas lehren, das zum Mann dich macht.

Doch – hörst du? – sage Keinem sonst ein Wort davon.

Pheidippides.

Fang’ an! Was ist es?

Strepsiades.

Eben schwurst du doch bei Zeus?

Pheidippides.

Gewiß.

Strepsiades.

Du siehst nun, welch ein Gut das Lernen ist.

Mein Sohn, es gibt gar keinen Zeus; vielmehr regirt

Ein König Umschwung, der den Zeus vom Throne stieß.

Pheidippides.

Pah! Welcher Unsinn!

Strepsiades.

Glaube mir, es ist an dem.

Pheidippides.

Wer sagte dieses?

Strepsiades.

Sokrates, der Melier,

Und Chärephon, der aller Flöhe Schritt erforscht.

Pheidippides.

Und bist du soweit in der Tollheit vorgerückt,

Und glaubst dem hirnverbrannten Volk?

Strepsiades.

Zieh’ ein den Mund,

Und rede nicht so Schlechtes von den trefflichen,

Geistvollen Männern, welche, rein aus Sparsamkeit,

Sich nie die Haare schoren, nie sich salbten, nie

Zum Baden in die Wanne stiegen. Aber du

Verbadest alle Habe mir, als wär’ ich todt.

Flugs eile denn zu diesen, lern’ an meiner Statt.

Pheidippides.

Was wird von ihnen Rechtes denn zu lernen sein?

Strepsiades.

Wie kannst du fragen? Alle Weisheit auf der Welt.

Da lernst du, wie gar ungeschickt und roh du bist.

Doch warte hier nur einen Augenblick auf mich.

(er eilt in das Haus.)

Pheidippides.

Weh mir!

Was thu’ ich, da mein Vater nicht bei Sinnen ist?

Soll ich des Wahnsinns etwa vor Gericht ihn zeih’n?

Meld’ ich’s dem Sargbesteller, daß er irre spricht?

Strepsiades.

(mit zwei Spazen zurückkommend.)

Sieh her, für welchen Vogel hältst du diesen? Sprich!

Pheidippides.

Für einen Spazen.

Strepsiades.

Richtig! Und das Weibchen hier?

Pheidippides.

Deßgleichen.

Strepsiades.

Beide nennst du gleich? Wie lächerlich!

So sage nicht mehr, sondern nenne fürderhin

Das Weibchen Späzin, wie du Spaz das Männchen nennst.

Pheidippides.

Die Späzin! Also diese Weisheit lerntest du,

Zur Schule gehend bei den Himmelstürmern dort?

Strepsiades.

Und Vieles sonst noch; aber was ich kaum gelernt,

Vergaß ich alsbald wieder, ich betagtes Haupt.

Pheidippides.

Um solches wohl verlorst du deinen Mantel auch?

Strepsiades.

Den hab’ ich nicht verloren, sondern verstudirt.

Pheidippides.

Und deine Schuhe thatest du wohin, du Thor?

Strepsiades.

Zu Nöthigem hab’ ich sie – verthan, wie Perikles.

Auf, eile! Geh’n wir! Thue mir die Liebe nur;

Dann magst du Streiche machen. Ich that Liebes einst

Auch dir, du stand’st im sechsten Jahr und lalltest noch:

Vom ersten Obol, den ich als Heliast empfing,

Kauft’ ich zu Zeus’ Festtage dir ein Wägelchen.

Pheidippides.

Sieh zu! Du wirst es sicher einst noch schwer bereun.

Strepsiades.

Schön, daß du mitgehst.

(Beide gehen nach der anderen Seite der Bühne, zu dem Hause des Sokrates.)

Zweite Scene.

Strepsiades. Pheidippides. Sokrates. Der Chor.

Strepsiades.

Komm heraus, komm, Sokrates!

(Sokrates tritt aus dem Hause.)

Ich bringe dir da meinen Sohn daher; er ließ

Sich sträubend nur bereden.

Sokrates.

Freilich scheint er noch

Recht kindlich und

(nach der Hängematte zeigend)

des Schwunges hier noch ungewohnt.

Pheidippides.

Wenn du dich aufhängst, wirst du wohl des Schwungs gewohnt.

Strepsiades.

Fahr’ hin zum Geier! Fluchst du deinem Lehrer schon?

Sokrates.

Seht nur, das „aufhängst“, wie er das so kindisch krächzt,

Und frazzenhaft die Lippen auseinander zerrt!

Der lernt es niemals, wie man schlau Prozesse webt,

Und hohl beschwazt die Richter und dem Spruch entschlüpft!

Und dies zu lernen, gab Hyperbolos ein Talent.

Strepsiades.

Nimm ihn getrost in die Lehre; denn er hat Genie!

Er war ein kleiner Knabe noch, vier Spannen kaum,

Da baut’ er Häuschen, schnizte Schiffchen schon daheim,

Und machte sich aus Leder hübsche Wägelchen,

Aus Apfelschalen Frösche: wie! du glaubst es kaum.

Doch daß er ja die beiden Redekünste lernt,

Die stärk’re, wie sie’s nennen, und die schwächere,

Die, nur das Unrecht redend, stets die erste stürzt;

Wenn beide nicht, die ungerechte jedenfalls!

Sokrates.

Die soll er lernen, von den Meistern selbst belehrt.

Strepsiades.

Ich gehe; darauf denke nun, daß er geschickt

Und tapfer allem Rechte widersprechen lernt.

(Sokrates und Strepsiades gehen jeder nach seinem Hause ab.)

Chorgesang.

(Lücke.)

Dritte Scene.

Der Vertreter des Rechtes. Der Vertreter des Unrechts. Pheidippides. Der Chor.

Der Vertreter des Rechtes.

Auf, tritt nur her und zeige dich selbst

Den Versammelten hier, so trozig du bist!

Der Vertreter des Unrechts.

„Tritt hin, wo du willst!“ Dir bringt mein Wort

Vor den Augen des Volks um so schlimmeren Tod.

Der Vertreter des Rechtes.

Mir Tod? Wer bist du?

Der Vertreter des Unrechts.

Der Sprecher –

Der Vertreter des Rechtes.

Und schwach!

Der Vertreter des Unrechts.

Der leicht dich bezwingt, dich, der du so gern

Dich den Stärkeren nennst.

Der Vertreter des Rechtes.

Wie könntest du das?

Der Vertreter des Unrechts.

Stets neue Gedanken ersinn’ ich im Geist.

Der Vertreter des Rechtes.

Die steh’n hier freilich im üppigsten Flor

(auf die Zuschauer deutend)

Bei dem albernen Troß.

Der Vertreter des Unrechts.

Dem gebildeten Volk.

Der Vertreter des Rechtes.

Ich vernichte dich schmachvoll.

Der Vertreter des Unrechts.

Sage, wodurch?

Der Vertreter des Rechtes.

Ich beschirme das Recht.

Der Vertreter des Unrechts.

Und ich stürze dir’s um mit entgegnendem Wort;

Denn entschieden behaupt’ ich: es gibt kein Recht!

Der Vertreter des Rechtes.

Wie? Gibt’s kein Recht?

Der Vertreter des Unrechts.

So sage mir, wo?

Der Vertreter des Rechtes.

Bei den Ewigen dort!

Der Vertreter des Unrechts.

Gibt’s wirklich ein Recht, was ist es mit Zeus

Nicht längst schon aus, der den Vater sogar

In Bande gelegt?

Der Vertreter des Rechtes.

Auch das noch? O pfui!

Das wird mir zu arg! Mir den Speinapf her!

Der Vertreter des Unrechts.

Graubärtiger Thor! Erzbäurischer Mensch!

Der Vertreter des Rechtes.

Unflätiger Wicht! Schamloser Gesell –

Der Vertreter des Unrechts.

Wie du Rosen mir streust –

Der Vertreter des Rechtes.

Der Altäre benascht –

Der Vertreter des Unrechts.

Mich mit Lilien krönst –

Der Vertreter des Rechtes.

Der den Vater erschlägt!

Der Vertreter des Unrechts.

Und mit Gold mich bedeckst, und nicht es bemerkst!

Der Vertreter des Rechtes.

Und du nennst das Gold? Sonst galt es für Blei.

Der Vertreter des Unrechts.

Jezt ist es für mich ein köstlicher Schmuck.

Der Vertreter des Rechtes.

Frech bist du genug.

Der Vertreter des Unrechts.

Altfränkischer Geck!

Der Vertreter des Rechtes.

Kein Kind will mehr in die Schule: daran

Bist du nur schuld.

Ja, seh’n wird bald das athenische Volk,

Was du die betrogenen Thoren gelehrt.

Der Vertreter des Unrechts.

Wie starrst du von Schmuz!

Der Vertreter des Rechtes.

Wie bist du so schmuck!

Doch weiß ich die Zeit, da betteltest du,

Und führtest dich gern als Telephos ein,

Und kautest uns frisch

Pandeletos’ Sprüch’ aus dem Brodsack vor.

Der Vertreter des Unrechts.

O Tiefsinn, den du mir da vorführst!

Der Vertreter des Rechtes.

O Wahnsinn, den du pflegst und die Stadt,

Die so lang dich ernährt,

Dich, der du verführst das junge Geschlecht!

Der Vertreter des Unrechts.

(auf Pheidippides zeigend)

Den lehrst du nicht, altvät’rischer Thor!

Der Vertreter des Rechtes.

Wohl, wohl, wenn’s gilt ihn zu retten und nicht

Ihn zu üben allein in dem schalen Geschwäz!

Der Vertreter des Unrechts.

(zu Pheidippides.)

Komm her: ihn dort laß toben für sich!

Der Vertreter des Rechtes.

Weh, weh dir, berührst du mir ihn mit der Hand!

Die Chorführerin.

Laßt endlich einmal dies Hadern und Schmäh’n;

Nein, zeigt vielmehr,

Du, was du vordem in der Schule gelehrt,

Du, was man die heutige Bildung nennt,

Daß der sich den Meister erwähle, nachdem

Er Beide gehört.

Der Vertreter des Rechtes.

Gern will ich es thun.

Der Vertreter des Unrechts.

Auch ich will’s gern.

Die Chorführerin.

Auf denn, wer nimmt als Erster das Wort?

Der Vertreter des Unrechts.

Gern lass’ ich es ihm;

Dann wird er aus dem, was er selbst vorbringt,

Mit den neusten Idee’n und Sprüchen von mir,

Wie mit giftigem Pfeil, an die Erde gebohrt.

Und wenn er zulezt noch im mindesten muxt,

Durchstech’ ich ihm Augen und Antliz rings,

Wie ein Hornissenschwarm, daß, schmählich zerkrazt,

Vor meinen Idee’n er erliege.

Erster Halbchor.

Strophe.

Nun zeigen Die bald im Vertrau’n

Auf die gewandte Rede,

Versuchend scharftreffenden Wiz,

Künstlichgespizten Tiefsinn,

Wer von den Zwei’n als Meister des Worts

Im Wettkampf den Sieg erringt.

Alle Gefahr wälzt sich ja jezt

Wider die Weltweisheit heran,

Hier, wo den größten Kampf um sie

Unsere Freunde kämpfen.

Die Chorführerin.

(zu dem Vertreter des Rechtes.)

Auf, du, der die Ahnen so reich mit dem Kranz untadlicher Sitte geschmückt hat,

Laß tönen das Wort, wie du dessen dich freust, und schildere deine Natur uns.

Der Vertreter des Rechtes.

So verkünd’ ich euch denn von der älteren Zeit, wie da mit der Zucht es bestellt war,

Als ich, der Vertreter des Rechtes, im Flor, und die Sittsamkeit erstes Gesez war.

Erst durfte man nie von den Knaben Geschrei, nie troziges Muxen vernehmen;

Dann zog aus jeglicher Gasse der Schwarm in die Kitharaschule mit Anstand

In dem dünnsten Gewand durch die Straßen dahin, und stöberte Schnee, wie der Mehlstaub.

Dort lernten sie dann von dem Meister ein Lied, – sittsam, nicht kreuzend die Beine –

Bald „Pallas, der Städte Bewältigerin“, bald, „fernhinschallende Lyra“,

In gemessener Tonart älterer Zeit, wie’s unsere Väter gesungen.

Wenn Einer einmal sich in Sprüngen vermaß, in gekünstelten Trillern und Schnörkeln,

Wie der neueste Brauch, in des Phrynis Manier, halsbrechende Schnörkel daherträllt,

Dem lohnte der Stock im üppigsten Maß, weil Musengesang er entheiligt.

In dem Ringhof dann, wenn sie saßen im Sand, da mußten sie züchtig und ehrbar

Vorstrecken das Bein, um Fremdlingen nichts Unziemliches offen zu zeigen;

Und standen sie auf, so bedachten sie gleich im Sand zu verwischen die Spuren,

Daß nicht von den blühenden Formen ein Bild nachblieb’ und Begierden erweckte.

Da hätte sich über den Nabel hinab kein Knabe gesalbt; wie die Wolle

Auf reifenden Quitten, umblühte den Schooß zartflockiger Haare Gekräusel.

Sie drängten sich nicht an die Männer heran mit süßem Gegirr und Geflüster,

Mit begehrlichem Blick sehnsüchtiger Lust an den Liebenden selbst sich verkuppelnd.

KI-Übersetzung · Original