Othello, der Mohr von Venedig

Menschliche Übersetzung · Übersetzt von Christoph Martin Wieland (†1813) · Quelle: Wikisource · Gemeinfrei

Othello.

Mein lieber Cassio, seht diese Nacht zur Wache; wir wollen nicht vergessen, in unsern Lustbarkeiten nie über das Ziel der Anständigkeit und Mässigung hinauszuschweiffen.

Cassio.

Jago hat schon Befehl auf die Nacht; ich will aber nichts destoweniger selbst ein Aug’ auf alles haben.

Othello.

Jago ist ein ehrlicher Mensch – – Gute Nacht, Cassio. Morgen, so früh als euch gelegen ist, laßt mich eine Unterredung mit euch haben – – (Zu Desdemona.) Komm, meine theure Liebe – – Wenn der Kauf geschehen ist, so folgt die Nuzniessung; – – Gute Nacht.

Cassio.

Willkommen Jago, wir müssen zur Wache.

Jago.

Izt noch nicht, Lieutenant, es ist noch nicht zehn Uhr. Unser General hat uns seiner Desdemona zu lieb so früh entlassen, und wir können ihn nicht deßwegen tadeln – – es ist seine erste Nacht, und sie ist ein Lekerbissen für einen Jupiter.

[ 243 ] Cassio.

Sie ist eine vortreffliche Dame.

Jago.

Und sie liebt das Spiel, ich stehe für sie.

Cassio.

In der That, sie ist ein reizendes Geschöpf.

Jago.

Was sie für ein paar Augen hat? Es ist, als ob sie einen auffordern – –

Cassio.

Sehr anziehende Augen, und doch, wie mich däucht, vollkommen sittsam.

Jago.

Und wenn sie redt, ist nicht der blosse Ton ihrer Stimme ein Signal zur Liebe?

Cassio.

Sie ist, in der That, die Vollkommenheit selbst.

Jago.

Gut, viel Glüks zu ihrer Hochzeit-Nacht! Kommt, Lieutenant, ich habe eine Flasche Wein, und es sind ein paar brave junge Cyprier draussen, die gerne eins auf Othello’s Gesundheit mit uns trinken möchten.

[ 244 ] Cassio.

Diese Nacht kan’s nicht seyn, Jago; ich habe ein armes unglükliches Gehirn zum Trinken. Ich möchte wol wünschen, daß man eine andre Manier, einander seinen guten Willen zu bezeugen, erfinden möchte als Gesundheittrinken.

Jago.

Oh, es sind gute Freunde; nur ein Gläschen; ich will für euch trinken.

Cassio.

Ich habe diesen Abend nicht mehr als einen Bechervoll getrunken, der noch dazu mit Wasser gemischt war, und ihr seht, was für Veränderungen er schon hier gemacht. Es ist ein Unglük für mich, daß ich so wenig ertragen kan, aber ich darf es nicht wagen, mehr zu thun.

Jago.

Wie, Mann? Die heutige Nacht ist dazu bestimmt, daß man sich lustig mache, und die jungen Herren würden sich durch unsre Weigerung beleidigt finden.

Cassio.

Wo sind sie?

Jago.

Hier, vor der Thür; ich bitte euch, ruft sie herein.

[ 245 ] Jago (allein.)

Wenn ich ihm, über das was er schon getrunken hat, nur noch einen Becher voll beybringen kan, so wird er so händelsüchtig seyn, und sich so unnüz machen wie meiner jungen Fräulein Hund – – Nun hat mein ehrlicher Rodrigo, dem die Liebe nun vollends die unrechte Seite herausgekehrt hat, diese Nacht auch manchen Stuzer auf Desdemonens Gesundheit ausgeleert, und izt wird er mit auf die Wache ziehen. Drey junge Cyprier, frische rüstige Bursche, die Herz und Ehre haben, hab ich gleichfalls mit vollen Bechern zugedekt, und sie sind auch von der Wache. Unter dieser Schaar von Betrunknen kan es mir also nicht schwer fallen, unsern Cassio zu einem Exceß zu bringen, wodurch er diese Insulaner vor die Köpfe stößt – – Aber da kommen sie ja schon. Wenn der Erfolg meinem Entwurf antwortet, so segelt mein Boot mit Wind und Fluth davon.

Cassio.

Beym Himmel, sie haben mir schon einen Tips angehängt.

Montano.

Einen sehr kleinen, in der That: ihr habt nicht über eine Maaß getrunken, so wahr ich ein Soldat bin.

[ 246 ] Jago.

Wein her, Wein her! (er fängt an zu singen) he! Wein her, ihr Jungens!

Cassio.

Beym Himmel, das war ein hübsches Lied.

Jago.

Das lernt ich in England, wo sie, in der That, mächtige Zecher sind. Euer Dähne, euer Deutscher, euer schmerbauchichter Holländer – – he! zu trinken! – – sind nichts gegen meinen Engländer.

Cassio.

So ist euer Engländer ein so grosser Trinker?

Jago.

Ob er’s ist? Ich sag euch, er trinkt euch eure Dänen zu Boden, ohne daß ihr’s ihm anseht. Er braucht nicht zu schwizen, um über euern Deutschen Meister zu werden; und euern Holländer bringt er zum Speyen, eh die nächste Flasche gefüllt werden kan.

Cassio.

Auf die Gesundheit unsers Generals!

Montano.

Da bin ich auch dabey, Lieutenant, ich will euch Bescheid thun.

[ 247 ] Jago.

O das liebe England! König Stephan war ein braver Pair etc. (Er singt.) Mehr Wein her, he!

Cassio.

Ha, das Lied ist noch schöner als das vorige.

Jago.

Wollt ihr’s noch einmal hören?

Cassio.

Nein, wahrhaftig, und hielte den für einen Mann der seines Plazes nicht würdig wäre, der solche Dinge thun wollte – – Gut – – Der Himmel ist über uns alle; und es ist nun schon einmal so, daß die einen selig werden, und die andern nicht selig werden.

Jago.

Das ist wahr, Herr Lieutenant.

Cassio.

Was mich betrift, (ohne unserm General, oder sonst einem Mann von Stande zu nah zu treten,) so hoff’ ich, selig zu werden.

Jago.

Und ich auch, Lieutenant.

[ 248 ] Cassio.

Schon gut, aber, mit eurer Erlaubniß, nicht vor mir. Der Lieutenant muß vor dem Fähndrich selig werden. Sagt mir nichts mehr hievon! – – Wir wollen von unsern Geschäften reden – – Vergieb uns unsre Schulden! – – Meine Herren, wir wollen zu unsern Geschäften sehen. Bildet euch nicht ein, ihr Herren, daß ich betrunken sey: Das ist mein Fähndrich; das ist meine rechte Hand, und das ist meine linke. Ich bin noch nicht betrunken, ich kan noch ziemlich aufrecht stehen, und ich rede noch gut genug.

Alle.

Vortreflich gut.

Cassio.

Nun, recht gut also; so müßt ihr also nicht denken, daß ich betrunken sey.

Montano.

Auf die Platte-Forme, meine Herren; kommt, wir wollen die Wache besezen.

Jago.

Ihr seht diesen Burschen, der voraus gegangen ist; er ist ein guter Soldat, werth zunächst an Cäsarn zu stehen, [ 249 ] und unter ihm Befehle zu geben. Aber ihr seht auch sein Laster; – – es ist schade für ihn – – er hat Stunden, wo dieses einzige Gebrechen alle seine Tugenden unbrauchbar macht – – ich fürchte nur, das Vertrauen, das Othello in den Mann sezt, mag in irgend einem solchen unglüklichen Augenblik das Verderben dieser Insel seyn.

Montano.

Ist er denn oft so?

Jago.

Es ist jedesmal der Prologus zu seinem Schlaf. Er würde euch zweymal vier und zwanzig Stunden an einem Weg wachen, wenn Bacchus seine Wiege nicht rüttelte.

Montano.

Es wäre gut, wenn dem General eine Vorstellung hierüber gemacht würde; vielleicht weiß er’s nicht; oder sein gutes Gemüth ist von den Verdiensten, die an Cassio in die Augen leuchten, so eingenommen, daß er ihm seine Untugenden übersieht; ist’s nicht so?

Jago.

Was macht ihr hier, Rodrigo? Ich bitte euch, seht wo der Lieutenant ist, geht.

[ 250 ] Montano.

Und es ist in der That recht zu bedauren, daß der Mohr einen so wichtigen Plaz, die Vertretung seiner eignen Person, einem Mann anvertrauen soll, der mit einem so eingewurzelten Gebrechen behaftet ist; es wäre die That eines ehrlichen Mannes, wenn man dem Mohren das sagen würde.

Jago.

Der möcht’ ich nicht seyn, und wenn ich diese ganze Insel damit zu gewinnen wüßte; ich liebe den Cassio, und wollte alles in der Welt thun, ihn von diesem Uebel zu heilen. Horcht, was für ein Lerm ist das?

Cassio.

Du Raker! du Lumpenhund!

Montano.

Was habt ihr, Lieutenant?

Cassio.

Ein Schurke soll mich meine Schuldigkeit lehren! Ich will den Schurken in eine Kürbis-Flasche hineinprügeln.

Rodrigo.

Mich prügeln – –

[ 251 ] Cassio.

Rüppelst du dich noch, Lumpenkerl?

Montano (der ihn zurükhält.)

Haltet ein guter Lieutenant; ich bitte euch, mein Herr, haltet ein.

Cassio.

Laßt mich gehen, Herr, oder ihr kriegt eins auf die Ohren.

Montano.

Kommt, kommt, ihr seyd ein betrunkener Mann.

Cassio.

Betrunken? – – (Er zieht den Degen gegen Montano, welcher sich zur Wehr sezt.)

Jago (zu Rodrigo leise.)

Weg, sag ich, hinaus, und schlagt Lermen. (Rodrigo geht.) Nein, guter Lieutenant – – Ums Himmels willen, meine Herren – – Helft! he! – – Lieutenant – – meine Herren – – Montano – – helft, ihr Herren! das ist mir eine feine Wache, in der That! – – Nu ja, wer hat den Einfall gar die Sturmgloke zu läuten? – – Zum Teufel, halt! die ganze Stadt wird in Bewegung kommen. Fy, fy, Lieutenant! halt, sag ich! Ihr verliehrt eure Ehre auf eine unwiederbringliche Art.

Othello.

Was giebt es hier?

Montano.

Ich blute stark, ich bin verwundet, doch nicht tödtlich.

Othello.

Halt, so lieb euch euer Leben ist.

Jago.

Halt, he, Lieutenant – – Herr – – Montano – – meine Herren – – Habt ihr denn allen Verstand verlohren? Wißt ihr nicht mehr, wer, und vor wem ihr seyd? Der General redt mit euch – – Halt, sag ich – – schämt euch doch wenigstens, und haltet ein – –

Othello.

Wie, was soll das seyn, he! Wer ist der Urheber von diesem Unfug? Sind wir zu Türken geworden? Und thun uns selbst was der Himmel den Ottomannen verboten hat? Aus Schaam wenigstens vor diesen Ungläubigen, macht diesem barbarischen Gefecht ein Ende; der erste von euch, der sich noch rührt, ist auf der Stelle des Todes! Heißt diese Gloke schweigen, sie schrekt diese Insel aus ihrer [ 253 ] Ruhe auf. Was war denn der Anlas zu diesem Handel? Ehrlicher Jago, dein blasses Gesicht sagt mir, daß du bekümmert bist – – Sprich, wer machte den Anfang? Sage die Wahrheit, so lieb ich dir bin!

Jago.

Ich weiß es nicht; wir waren alle gute Freunde, nur eben, nur noch vor einem Augenblik auf der Hauptwache beisammen, so freundlich wie Braut und Bräutigam, wenn sie zu Bette gehen wollen – – und dann, in einem Augenblik (nicht anders als ob irgend ein aufgehender Planet den Leuten die Vernunft genommen hätte) sind sie mit ihren Degen heraus, und gehen einander auf Leib und Leben. Ich kan nicht sagen, was der Anlas zu diesem unsinnigen Zwist war; aber ich wollte, ich hätte in irgend einer rühmlichen Action diese Beine verlohren, die mich zu einem Theil davon geführt haben.

Othello.

Wie kommt es, Cassio, daß ihr euch so vergessen habt?

Cassio.

Ich bitte euch, entschuldigt mich, ich kan nicht reden.

Othello.

Würdiger Montano, ihr seyd sonst ein gesitteter Mann; die Welt legt euch den Character eines gesezten und sittsamen Jünglings bey, und die Weisesten sprechen euern Namen [ 254 ] mit Hochachtung aus. Was für ein Anlas konnte euch dahin bringen, euern Ruhm so leichtsinnig zu verschleudern, und die gute Meynung der Welt um den Namen eines Nacht-Schwärmers hinzugeben? Antwortet mir auf das!

Montano.

Würdiger Othello, ich bin gefährlich verwundet: Euer Officier, Jago, kan mir eine Mühe ersparen, die mir izt einige Ungelegenheit verursachen würde; er weiß alles, was ich euch sagen könnte; und ich wißte auch nicht was ich diese Nacht über Unrechtes gesagt oder gethan hätte, es wäre denn, daß Selbstvertheidigung, wenn wir gewaltsam angefallen werden, eine Sünde seyn sollte.

Othello.

Nun, beym Himmel, mein Blut fangt an über meine Vernunft Meister zu werden – – Reizt mich nicht, sag ich euch, oder wenn ich nur diesen Arm hebe, so soll der Beste von euch unter meinem Zorn zu Boden sinken. Laßt mich wissen, wie dieser schändliche Tumult sich anhub; wer der Anfänger war; und derjenige, welcher schuldig befunden wird, hat einen Freund an mir verlohren, und wenn er mein Zwillings-Bruder wäre – – Wie? in einer mit Krieg bedräuten Stadt, deren Einwohner noch mit Schreken angefüllt sind, sich von der Furcht eines feindlichen Ueberfalls noch nicht erholt haben, um Privat-Händeln willen einen Lerm anfangen? Und das bey Nacht, und auf der Hauptwache, [ 255 ] die der Schirm der allgemeinen Sicherheit seyn soll? Es ist etwas ungeheures! Rede, Jago, wer war der Anfänger?

Montano.

Wenn du aus Partheylichkeit, Freundschaft oder vermeynter Pflicht mehr oder weniger sagst als wahr ist, so bist du kein Soldat.

Jago.

Rühret mich an keinem so empfindlichen Theil an: Ich wollte mir lieber diese Zunge aus dem Mund reissen lassen, als daß ich meinem Freund Cassio zum Schaden reden wollte: Jedoch hoff’ ich es könne ihm keinen Schaden thun, wenn ich die Wahrheit sage. So verhält sich die Sache, General: Montano und ich waren in einem Gespräch begriffen, als ein Bursche hereinzulauffen kam, der aus vollem Hals um Hülfe schrie, und Cassio mit blossem Degen hinter ihm her, vermuthlich um ihn abzustraffen. Hierüber gieng dieser Herr auf den Cassio zu, und bat ihn sich zufrieden zu geben, ich selbst aber lief dem schreienden Kerl nach, aus Furcht, sein Geschrey möchte, (wie es auch würklich begegnet ist,) die Stadt in Unruh sezen; allein, da er schneller auf den Beinen war, so verlohr’ ich ihn gleich aus dem Gesicht, kehrte also wieder zurük, um so mehr als ich das Klingeln und Fallen von blossen Degen und den Cassio gewaltig fluchen hörte, welches ich vor dieser Nacht niemals hätte von ihm sagen können. Wie ich nun zurük kam, so fand ich sie im hizigsten Gefecht begriffen, [ 256 ] kurz, in den nemlichen Umständen, worinn ihr selbst sie auseinander gebracht habt. Mehr kan ich von diesem Handel nicht sagen. Aber Menschen sind Menschen; die besten vergessen sich zuweilen; und wenn ihm auch Cassio ein wenig zuviel gethan hat, wie denn Leute in der Wuth oft ihre liebsten Freunde schlagen, so glaub ich doch gewiß, daß Cassio von dem Burschen, der entlauffen ist, irgend eine grobe Beleidigung, die nicht zu dulden war, empfangen haben muß.

Othello.

Ich sehe, Jago, daß dein gutes Gemüth und deine Liebe zu Cassio seine Schuld zu verkleinern sucht. Cassio, ich liebe dich, aber du bist mein Officier nicht mehr – –

– – Seht, ist nicht meine Liebste Desdemona aufgestanden – – ich will dich zu einem Exempel machen.

Desdemona.

Was ist hier zu thun?

Othello.

Es ist alles in seiner Ordnung. Komm zu Bette, meine Liebe – – Mein Herr, ich will selbst der Arzt für eure Wunden seyn – – Führt ihn nach Hause. Jago, laß dir die Beruhigung der Stadt angelegen seyn – – Komm, Desdemona; es ist einer von den Zufällen des Soldaten-Lebens, [ 257 ] oft vom süssesten Schlummer durch kriegrisches Getümmel aufgewekt zu werden.

Jago.

Wie seyd ihr verwundet, Lieutenant?

Cassio.

So, daß mir alle Wundärzte der Welt nicht helfen können.

Jago.

Das verhüte der Himmel!

Cassio.

O Guter Name! Guter Name! Ich habe meinen guten Namen verlohren; ich habe mein unsterbliches Theil verlohren, was mir übrig geblieben ist ein blosses Thier. Meinen guten Namen, Jago, meinen guten Namen! – –

Jago.

So wahr ich ein Bidermann bin, ich dachte, ihr hättet irgend eine tieffe Wunde in den Leib bekommen; das hätte mehr zu bedeuten als ein guter Name – – Diese Schimäre, die so oft ohne Verdienste gewonnen, und ohne Verschuldung verlohren wird. Ihr habt nichts verlohren, als in [ 258 ] so fern ihr euch einbildet, daß ihr was verlohren habt. Wie, Mann – – man kan Mittel finden, den General wieder zu gewinnen. Ihr seyd nur noch mündlich cassiert, eine Straffe, worinn mehr Politik als böser Willen ist; gerade so, als wenn einer seinen unschuldigen Hund schlüge, um einen übermüthigen Löwen zu erschreken. Gebt ihm gute Worte, so ist er wieder euer.

Cassio.

Ich wollte lieber selbst um meine Verwerfung bitten, als einen so rechtschaffnen General mit einem so schlechten, so versoffenen, so unbedachtsamen Officier betrügen. Besoffen? und plappern wie ein Papagay? und Händel anfangen? großpralen? fluchen? und dummes Zeug mit seinem eignen Schatten reden? O du unbändiger Geist des Weins, wenn du noch keinen Namen hast, woran man dich kennen kan, so laß dich Teufel heissen.

Jago.

Wer war der Kerl, den ihr mit dem Degen verfolgtet? was hatte er euch gethan?

Cassio.

Das weiß ich nicht.

Jago.

Ists möglich?

Cassio.

Ich erinnere mich eines verworrenen Klumpens von [ 259 ] Sachen, aber nichts deutlich: Eines Handels, aber nicht warum. O daß ein Mann einen Feind zu seinem Mund einlassen soll, damit er ihm seine Vernunft wegstehlen könne! daß wir fähig sind, mit lauter Freude, Lust, Scherz und Wohlleben uns in Bestien zu verwandeln!

Jago.

Nun, gebt euch zufrieden, ihr seyd wieder ganz wohl: Wie habt ihr euch sobald wieder erholt?

Cassio.

Der Teufel der Trunkenheit hat dem Teufel des Zorns Plaz gemacht; eine Unvollkommenheit zeigt mir eine andre – – o wie herzlich veracht’ ich mich selber!

Jago.

Kommt, ihr seyd ein allzustrenger Moralist. In Betrachtung der Zeit, des Orts und der gegenwärtigen Umstände dieses Lands möcht’ ich selbst von Herzen wünschen, es wäre nicht begegnet; aber da es nun einmal so ist wie es ist, so ergebt euch darein, und denkt darauf, wie ihr’s wieder gut machen wollt.

Cassio.

Gesezt, ich geh, und bitt’ ihn wieder um meine Stelle, so wird er mir sagen, ich sey ein Trunkenbold – – Hätte ich so viele Mäuler als die Hydra, eine solche Antwort würde sie mir alle stopfen. Izt ein vernünftiger Mensch seyn, bald darauf ein Narr, und dann plözlich gar ein [ 260 ] Vieh – – Ein jedes Glas das man zuviel trinkt ist verflucht, und das Ingrediens davon ist ein Teufel.

Jago.

Kommt, kommt, guter Wein ist ein guter Spiritus familiaris, wenn man mit ihm umzugehen weiß: Keine Declamationen mehr dagegen! – – Mein lieber Lieutenant, ich hoffe doch, ihr glaubt, daß ich euer Freund bin.

Cassio.

Ihr habt mir Proben davon gegeben, mein Herr – – Ich, betrunken! – –

Jago.

Das ist etwas, das euch und einem jeden andern ehrlichen Mann in der Welt einmal begegnen kan – – Ich will euch sagen, was ihr thun solltet. Unsers Generals Frau ist izt der General. Ich kan mich dieses Ausdruks bedienen, weil er sich ganz und gar der Beschauung, Betrachtung und Beherzigung ihrer Vollkommenheiten und Schönheiten gewiedmet und überlassen zu haben scheint. Macht ihr ein freymüthiges Geständniß euers Fehlers, und laßt nicht ab, bis sie euch verspricht euch wieder zu euerm Plaz zu helfen. Sie ist von einer so großmüthigen, so gütigen, so menschenfreundlichen Gemüths-Art, daß sie es für einen Mangel an Güte hielte, nicht noch mehr zu thun als man von ihr begehrt. Bittet sie, dieses zerbrochne Band zwischen euch und ihrem Manne wieder zusammen zu löthen – – [ 261 ] und ich will alles was ich habe gegen eine Steknadel sezen, eure Freundschaft wird stärker werden als sie je gewesen ist.

Cassio.

Euer Rath ist gut.

Jago.

Er ist wenigstens gut gemeynt, und kommt aus einem aufrichtigen und freundschaftlichen Herzen.

Cassio.

Davon bin ich überzeuget; ich will es nicht länger als bis morgen früh anstehen lassen, die tugendhafte Desdemona um ihr Vorwort zu bitten; ich bin gänzlich verlohren, wenn ich auf eine so schimpfliche Art von hier gejagt werde.

Jago.

Ihr habt recht; gute Nacht, Lieutenant; ich muß zur Wache sehen.

Cassio.

Gute Nacht, redlicher Jago – –

Jago (allein.)

Und wo ist nun der, welcher sagen kan, ich spiele die Rolle eines Spizbuben? Da der Rath, den ich ihm gebe, gut, ehrlich, von dem wahrscheinlichsten Erfolg, ja in der That der gerade Weg ist, den Mohren wieder zu gewinnen. Denn es ist etwas sehr leichtes die gutherzige Desdemona zu bewegen, daß sie irgend eine erlaubte Bitte begünstige; sie ist von einer so überfliessend-wohlthätigen Natur wie die alles umfassenden Elemente. Und dann ist für sie wiederum nichts leichters als den Mohren zu gewinnen, wär’ es auch seinem Taufbund zu entsagen, so gänzlich ist seine Seele in ihrer Liebe verstrikt; sie kan mit ihm anfangen was sie will, machen, wieder vernichten, wie es ihrem Eigensinn nur belieben mag, den Gott mit seiner Schwäche zu spielen. Bin ich denn also ein Spizbube, dem Cassio einen Weg zu rathen, der ihn so gerade zu seinem Besten führt? Beym Abgott der Hölle! wenn Teufel ihre schwärzeste Sünden ausüben wollen, so täuschen sie uns zuvor in himmlischen Gestalten – – So mach’ ichs würklich auch. Denn indeß daß dieser ehrliche Thor sich Desdemonen zu Füssen wirft, um sein Glük wieder herzustellen, und sie alle ihre Macht über den Mohren zu Cassio’s Vortheil anwendet; ich will ihm den giftigen Argwohn in die Ohren blasen, daß sie ihn nur zu Büssung ihrer Lust so gerne bey sich zu behalten wünsche; und je eyfriger sie sich bemühen wird, ihm Gutes zu thun, je mehr wird sie ihren Credit in den Augen des Mohren verliehren. [ 263 ] So will ich ihre Tugend in Pech verwandeln, und aus ihrer Güte selbst ein Nez machen, worinn sie alle gefangen werden sollen. Wo kommt ihr her, Rodrigo?

Rodrigo.

Ich lauffe hier mit der Jagd, nicht wie ein Hund der jagt, sondern nur, wie einer der schreyen hilft. Mein Geld ist beynah aufgebraucht; heute Nachts bin ich ganz unvergleichlich abgeprügelt worden; und ich denke, das Ende vom Liede wird seyn, daß ich so viel Erfahrung für meine Mühe habe; und so werd’ ich mit einem leeren Beutel und einem Bißchen mehr Wiz wieder nach Venedig zurük kehren – –

Jago.

Was für elende Leute sind doch die, so keine Geduld haben können! Wenn heilt jemals eine Wunde anderst als nach und nach – – Du weißst doch, daß wir nicht zaubern können, sondern daß alles was wir thun, natürlich zugehen muß; und die Natur will ihre Zeit haben. Wo fehlt es dann, laßt sehen? Cassio hat dich geprügelt, und du hast für ein paar arme Schläge diesen Cassio cassiert – – Was reiff werden soll, muß erst blühen. Gedulde dich noch ein wenig: Es ist würklich schon Tag. Vergnügen und Arbeit machen, daß uns die Stunden kurz scheinen. Entfern’ [ 264 ] dich; geh, wohin du angewiesen bist; geh, sag ich – – du sollst bald mehr von mir hören – – Nun, so geh doch – –

Nun sind zwey Dinge zu thun; mein Weib muß für den Cassio zur Desdemonen gehen, und das will ich bald veranstaltet haben; ich muß indeß den Mohren auf die Seite nehmen, und ihn nicht eher wieder erscheinen lassen, als gerade wenn er den Cassio bey seiner Frauen überraschen kan – – ja, so muß es gehen – – und das Eisen soll geschmiedet werden, weil es noch warm ist.

Cassio.

Meine Herren, hier spielt eins, (ich will eure Mühe vergelten,) etwas das nicht zu lange währt, und dann wünscht dem General einen guten Morgen.

Hans Wurst.

Wie, ihr Herren, sind eure Instrumente in Neapel gewesen, daß sie so durch die Nase reden? – – Hier ist Geld für euch; eure Musik gefällt dem General so wol, daß er wünscht, ihr möchtet ihm den Gefallen thun, und nicht gar zu laut damit seyn.

Musik.

Gut, Herr, wir wollen’s leiser machen.

[ 266 ] Hans Wurst.

Wenn ihr eine Musik habt, die man nicht hört, so macht immer fort: Aber was man heißt, Musik zu hören, davon ist der General kein sonderlicher Liebhaber.

Musik.

Eine Musik, die man nicht hört? – – Wir können eine solche, Herr.

Hans Wurst.

So stekt eure Pfeiffen wieder in euern Sak, und zieht ab. Geht, zerfließt in Luft, fort.

Cassio.

Hörst du, guter Freund?

Hans Wurst.

Mit beyden Ohren.

Cassio.

Hier ist ein kleines Goldstük für dich; wenn die Kammer-Frau der Generalin auf ist, so sag’ ihr, es sey ein gewisser Cassio da, der sich die Erlaubniß ausbitte, ein paar Worte mit ihr zu reden. Willt du?

Hans Wurst.

Sie ist auf, Herr; wenn sie mir in den Wurf kommt, so will ich nicht ermangeln, es ihr zu notificieren.

[ 267 ] Cassio.

Thu das, guter Freund – – Da kommt Jago eben recht.

Jago.

Ihr seyd also nicht zu Bette gegangen?

Cassio.

Nein, gewiß nicht; der Tag brach ja schon an, eh wir schieden. Ich bin so frey gewesen, und habe eure Frau hieher bitten lassen; ich will sie ersuchen, sie möchte mir Zutritt bey Desdemona verschaffen.

Jago.

Ich will sie augenbliklich hieher schiken, und indeß ein Mittel ausfindig machen, um den Mohren auf die Seite zu bringen, damit ihr ungehindert mit Desdemonen sprechen könnt.

Cassio.

Ich dank euch gehorsamst davor – – In meinem Leben hab’ ich keinen gutherzigern und ehrlichern Florentiner gesehen!

Aemilia.

Guten Morgen, Herr Lieutenant. Es ist mir leid, [ 268 ] daß ihr Verdruß gehabt habt; aber ich hoffe, es wird alles wieder gut werden. Der General und seine Gemahlin reden mit einander davon, und sie nimmt eure Parthey sehr lebhaft. Der Mohr hält ihr entgegen, derjenige, den ihr verwundet hättet, sey ein Mann von grossem Namen in Cypern, und von einer ansehnlichen Familie; er könne aus politischen Ursachen nicht anders, als euch von sich entfernen. Jedoch versichert er zu gleicher Zeit, er liebe euch, und habe keine andre Fürbitter nöthig, um euch wieder bey ihm in Gunst zu sezen, als seine eigne Zuneigung.

Cassio.

Ich bitte euch dem ungeachtet, wenn ihr anders glaubt daß es schiklich sey, und wenn es sich thun läßt, mir Gelegenheit zu verschaffen, daß ich ein paar Worte mit Desdemonen allein sprechen könnte.

Aemilia.

Ich bitte euch, kommt herein; ich will euch an einen Ort führen, wo ihr Gelegenheit haben sollt, ihr alles zu sagen was ihr auf dem Herzen habt.

Cassio.

Ich bin euch sehr dafür verbunden.

Othello.

Diese Briefe, Jago, gieb dem Schiffs-Patron, und bitte ihn, dem Senat meine Schuldigkeit zu bezeugen. Ich will indessen einen Gang in die Vestungs-Werker thun; mache, daß du dort wieder zu mir kommst.

Jago.

Ich werde nicht ermangeln, gnädiger Herr.

Othello.

Wollen wir gehen, meine Herren, und die Vestung besehen?

Edelleute.

Wir werden die Ehre haben, Eu. Gnaden zu begleiten.

Desdemona.

Sey versichert, mein guter Cassio, ich will alle meine Vermögenheit zu deinem Besten anwenden.

[ 270 ] Aemilia.

Thut es, liebste Madam; ich weiß, es bekümmert meinen Mann, als ob es seine eigne Sache wäre.

Desdemona.

Ich glaub’ es, er ist ein guter Mensch; zweifelt nicht, Cassio, ich will meinen Herrn und euch wieder zu so guten Freunden machen, als ihr gewesen seyd.

Cassio.

Meine großmüthigste Gebieterin, was auch aus Cassio werden mag, so wird er nie was anders als euer getreuer Diener seyn.

Desdemona.

Ich weiß es; ich danke euch; ihr liebet meinen Gemahl; ihr kennt ihn schon lange; und seyd vollkommen versichert, er wird in dieser Entfernung von euch nicht weiter gehen, als er durch politische Ursachen sich genöthigt sehen wird.

Cassio.

Sehr wohl, Gnädige Frau; aber diese politische Freundschaft kan so lange währen, und indeß mit einer so leichten und wäßrichten Nahrung unterhalten werden, daß, indem ich abwesend bin, und ein andrer meine Stelle inne hat, mein General meiner Ergebenheit und meiner Dienste endlich gänzlich vergessen wird.

[ 271 ] Desdemona.

Macht euch keine solche Gedanken; hier in Aemiliens Gegenwart verbürg’ ich mich selbst für deine Stelle. Versichre dich, wenn ich meine Freundschaft verspreche, so darf man sich darauf verlassen, daß ich ihre Pflichten bis auf den äussersten Punkt erfüllen werde. Mein Gemahl soll keine Ruhe haben, bis er sich ergeben wird; er soll Tag und Nacht nichts anders hören, ich will ihn bis in sein Bette damit verfolgen, und er soll nichts sagen noch thun können, wovon ich nicht den Anlas nehme, ihn an Cassio’s Gesuch zu erinnern; sey also ruhig, Cassio; deine Sachwalterin soll eher das Leben lassen, ehe sie deine Sache aufgeben soll.

Aemilia.

Gnädige Frau, dort kommt euer Gemahl.

Cassio.

So will ich meinen Abschied nehmen, Gnädige Frau.

Desdemona.

Warum dann? Bleibt da, und hört mich reden.

[ 272 ] Cassio.

Izt nicht, Gnädige Frau; ich bin so übel aufgeräumt, daß ich meiner Sache keinen guten Schwung geben würde.

Desdemona.

Gut, nach euerm Belieben.

Jago (leise.)

Ha! Das gefällt mir nicht zum Besten – –

Othello (zu Jago.)

Was sagst du?

Jago.

Nichts, Gnädiger Herr; oder wenn – – ich weiß selbst nicht was.

Othello.

Gieng nicht diesen Augenblick Cassio von meiner Frauen weg?

Jago.

Cassio, Gnädiger Herr? – – Nein, versichert, ich kan mir nicht vorstellen, daß er sich, sobald er euch kommen sieht, so eilfertig davon schleichen würde, als ob er kein gutes Gewissen hätte.

Othello.

Ich glaube nicht anders als er war’s.

[ 273 ] Desdemona.

Wie steht’s, mein Gemahl? Ich sprach eben izt mit einem Supplicanten, einem Mann, den eure Ungnade sehr unglüklich macht.

Othello.

Und wer ist dieser Mann?

Desdemona.

Wer sollt es seyn als euer Lieutenant, Cassio? Liebster Gemahl, wenn ich nur das mindeste Vermögen über euer Herz habe, so söhnt euch auf der Stelle wieder mit ihm aus. Wenn er nicht ein Mann ist, der euch aufrichtig liebt, und der aus blosser Uebereilung und nicht mit Vorsaz gefehlt hat, so versteh ich nichts davon was ein ehrliches Gesicht ist.

Othello.

War er’s, der nur eben weggieng?

Desdemona.

Und so niedergeschlagen, daß er meinem mitleidigen Herzen einen Theil seines Kummers zurükgelassen hat. Ich bitte euch, mein Schaz, laßt ihn zurükruffen.

Othello.

Noch nicht, liebste Desdemona, ein andermal.

Desdemona.

Aber doch bald?

[ 274 ] Othello.

Bald genug, mein Herz, für dich.

Desdemona.

Heute, Abends, zum Nacht-Essen?

Othello.

Das nicht.

Desdemona.

Also doch morgen auf den Mittag?

Othello.

Ich esse morgen mit einigen Officiers in der Citadelle zu Mittag.

Desdemona.

Nun, also doch Morgen Nachts, oder Dienstag Morgens oder Nachts, oder Mittwoch Morgens, ich bitte dich, bestimme die Zeit; aber laß es nicht länger als drey Tage seyn; bey meiner Treue, er ist bußfertig; und doch ist sein Verbrechen, nach der gemeinen Art davon zu urtheilen und bey Seite gesezt, daß in Kriegszeiten von einem Officier das beste Exempel gefordert wird, eine kleine Uebereilung, die kaum einen Privat-Verweis verdient – – Wenn soll er kommen? Sag mir’s, Othello! Mich nimmt in der Seele Wunder, was ihr mich bitten könntet, das ich euch abschlagen würde, oder wobey ich so verdrieslich dastühnde! Wie? Michael Cassio! – – Der eurer Liebe zu mir so gute [ 275 ] Dienste leistete; der so oft, wenn ich nicht sehr vortheilhaft von euch sprach, eure Parthey nahm – – und ich soll soviel Mühe haben, ihn wieder bey euch in Gunst zu sezen? Glaubt mir auf mein Wort, ich wollte wohl mehr – –

Othello.

Ich bitte dich, laß es genug seyn; er kan kommen, wenn er will; ich will dir nichts abschlagen.

Desdemona.

Wie, das ist keine Gefälligkeit, die ich für mich bitte; es ist als ob ich euch bitte eure Kleider zu tragen oder von einer gesunden Speise zu essen, oder euch warm zu halten; kurz, als ob ich bey euch darum anhielte, daß ihr euch selbst etwas zu gut thun möchtet. Nein, wenn ich eine Bitte habe, wodurch ich eure Liebe in der That auf die Probe zu stellen gedenke, so soll es etwas schweres und grosses seyn, etwas das Herz erfordert, um bewilliget zu werden.

Othello.

Ich werde dir nichts abschlagen, und alles was ich mir dagegen von dir ausbitte, ist, daß du mich izt ein wenig allein lassen wollest.

Desdemona.

Sollt’ ich euch’s abschlagen? Nein; lebt wohl, mein Gemahl.

Othello.

Lebe wohl, meine Desdemona, ich will gleich folgen.

[ 276 ] Desdemona.

Aemilia, komm; seyd wie es euch eure Laune eingiebt, ihr mögt seyn wie ihr wollt, so bin ich gehorsam.

Othello.

Anmuthsvolle Spizbübin! – – Verderben erhasche meine Seele, wenn ich dich nicht liebe – – und wenn ich dich nicht mehr liebe, so ist die Welt wieder zum Chaos worden.

Jago.

Mein Gebietender Herr – –

Othello.

Was willt du sagen, Jago?

Jago.

Wie ihr euch um eure Gemahlin bewarbet, wußte Michael Cassio etwas von eurer Liebe?

Othello.

Allerdings, vom Anfang bis zum Ende: Warum fragst du?

[ 277 ] Jago.

Bloß zu meiner eignen Befriedigung; es hat gar nichts böses zu bedeuten.

Othello.

Warum zu deiner eignen Befriedigung?

Jago.

Ich glaubte nicht, daß er etwas davon gewußt habe.

Othello.

Oh, ja, das hat er, und er war oft die Mittels-Person zwischen uns beyden.

Jago.

In der That!

Othello.

In der That? Ja, in der That! Siehst du was hierinn? Ist er nicht ein rechtschaffner Mann?

Jago.

Rechtschaffen, Gnädiger Herr?

Othello.

Rechtschaffen? Ja, rechtschaffen!

Jago.

Gnädiger Herr, so viel ich weiß.

[ 278 ] Othello.

Was denkst du?

Jago.

Denken, Gnädiger Herr!

Othello.

Denken, Gnädiger Herr! – – Wie, beym Himmel! Was meynst du damit, daß du mir immer nachhallest, gleich als ob irgend ein Ungeheuer, zu gräßlich um gezeigt zu werden, in deinen Gedanken verborgen läge? Du meynst etwas damit; vor einer kleinen Weile hört’ ich dich sagen, das gefalle dir nicht – – wie Cassio von meinem Weibe weggieng. Was gefiel dir nicht? – – Und wie ich dir sagte, er sey während dem ganzen Lauf meiner Bewerbung um Desdemona mein Vertrauter gewesen; riefst du, in der That? und zogst deine Augbraunen auf eine Art zusammen, als ob du in selbem Augenblik irgend einem scheußlichen Gedanken in deinem Gehirn den Ausgang versperren wolltest: Wenn du mein Freund bist, so sage mir was du denkst.

Jago.

Gnädiger Herr, ihr wißt, daß ich euer Freund bin.

Othello.

Ich denke, du bist’s: Und weil ich weiß, daß du ein gutherziger, ehrlicher Mann bist, und deine Worte wiegst, eh du ihnen Athem giebst, so schreken mich diese Pausen [ 279 ] an dir; denn wenn es an einem falschen unredlichen Spizbuben ein Kunstgriff oder auch oft bloß ein angewöhntes Wesen ist, das nichts zu bedeuten hat; so ist es hingegen an einem rechtschaffnen Mann ein Zeichen, daß er sich Mühe giebt etwas in seinem Herzen zurück zu halten, dessen Entdekung schlimme Folgen habe könnte.

Jago.

Was Michael Cassio betrift, so darf ich schwören, daß ich ihn für einen ehrlichen Mann halte.

Othello.

Dafür halt’ ich ihn auch.

Jago.

Die Leute sollten seyn, was sie scheinen; oder die es nicht sind, von denen wäre zu wünschen, daß sie auch so aussähen, wie Schelmen.

Othello.

Es ist wahr, die Leute sollten seyn, was sie scheinen.

Jago.

Nun, ich denke also, Cassio ist ein ehrlicher Mann.

Othello.

Nein, du willt mehr damit sagen; ich bitte dich, rede mit mir, wie mit deiner eignen Seele, und gieb deinem ärgsten Gedanken auch den ärgsten Ausdruk.

[ 280 ] Jago.

Mein liebster General, verschonet mich. Ob ich euch gleich einen vollkommnen Gehorsam schuldig bin, so bin ich doch dazu nicht verbunden, worinn alle Sclaven frey sind – – euch meine Gedanken zu sagen – – Wie? gesezt, sie seyen einmal falsch, schändlich; wo ist der Pallast, in den sich nicht zuweilen garstige Dinge eindrängen? Wer hat ein so reines Herz, das nicht manchmal unziemliche Vorstellungen sich unter seine guten Gedanken einmischen sollte?

Othello.

Du bist ein Verräther an deinem Freund, Jago, wenn du glaubst, er werde betrogen, und ihm doch nicht entdekest was du denkst.

Jago.

Ich denke, daß ich mich vielleicht in meiner Muthmassung betrüge; (wie ich dann bekennen muß, daß es ein unglüklicher Fehler meines Temperaments ist, zum Mißtrauen geneigt zu seyn, und mir eine Sache manchmal schlimmer einzubilden als sie ist,) ich bitte euch also, Gnädiger Herr, euch selbst aus den ungefehren und unsichern Bemerkungen eines Menschen, den sein Argwohn so leicht betrügen kan, keine Ursachen zur Unruhe zu ziehen: Es wäre nicht gut für euch, und nicht ehrlich und vernünftig an mir, wenn ich euch meine Gedanken wollte wissen lassen.

Othello.

Was meynst du damit?

[ 281 ] Jago.

Der gute Name, mein liebster gnädiger Herr, ist bey Manns und Weibsleuten ein Kleinod das ihnen so theuer seyn soll als ihre Seele. Wer mir mein Geld stiehlt, stiehlt Quark; es ist etwas und ist nichts; es war mein, nun ists sein, und ist schon ein Sclave von Tausenden gewesen; aber wer mir meinen guten Namen nimmt, beraubt mich eines Schazes, der ihn nicht reicher und mich in der That arm macht.

Othello.

Ich will wissen, was du denkst – –

Jago.

Ihr könntet das nicht, wenn ihr gleich mein Herz in eurer Hand hättet; und sollt es nicht, so lang es in meiner Verwahrung ist.

Othello.

Ha!

Jago.

Oh, Gnädiger Herr, nehmt euch vor der Eifersucht in Acht; sie ist ein grün-äugiges Ungeheuer, das sich toller Weise von demjenigen nährt was es am meisten verabscheut. Mancher betrogne Ehemann ist seines Schiksals gewiß, ohne desto unglüklicher zu seyn, weil ihm seine Ungetreue gleichgültig ist – – Aber, o was für unselige Minuten [ 282 ] zählt derjenige über, der vor Liebe schmachtet und doch zweifelt; der argwöhnet, und nur desto heftiger liebt!

Othello.

Ein elender Zustand, beym Himmel!

Jago.

Arm und zufrieden, ist reich und reich genug; aber ein unermeßlicher Reichthum ist so arm als der Winter für denjenigen, der immer besorgt, es werde ihm ausgehen. Gütiger Himmel! bewahre alle menschlichen Herzen vor Eifersucht!

Othello.

Wie? Was meynst du damit? Denkst du, ich wollte jemals mein Leben in Eifersucht zubringen? Die Monds-Veränderungen unverwandt mit argwöhnischen Augen begleiten? Nein, einmal zweifeln heißt bey mir entschlossen seyn. Tausche mich gegen eine Ziege aus, wenn ich jemals fähig bin meine Seele so mißgeschaffnen Gespenstern einer kranken Phantasie Preiß zu geben, als du dir einbildest. Das kan mich nicht eifersüchtig machen, wenn jemand sagt, mein Weib ist schön, ißt mit gutem Appetit, liebt Gesellschaft, ist munter, gesprächig, singt, spielt und tanzt gut; an einer tugendhaften Person werden diese Dinge selbst zu Tugenden. Eben so wenig werd’ ich jemals von meinen eignen Unvollkommenheiten Anlas zum kleinsten Zweifel oder Verdacht einer Untreue von ihrer Seite nehmen; denn sie hatte Augen und wählte mich. Nein, Jago; ich will sehen [ 283 ] eh ich zweifle; wenn ich zweifle, so will ich Beweise; und sobald ich diese habe, weg auf einmal mit Liebe und Eifersucht!

Jago.

Das hör’ ich sehr gerne; dann nun darf ich mir also kein Bedenken mehr machen, euch die Freundschaft und Ergebenheit sehen zu lassen, die ich zu euch trage. Nehmt also was ich sagen werde so auf, wie es gemeynt ist. Ich rede noch nicht von Beweisen; gebt auf eure Gemahlin Acht, habt ein aufmerksames Aug auf sie und Cassio, das ist alles was ich sagen kan: Nicht eifersüchtig, aber auch nicht sicher; ich möchte nicht gerne, daß ein so edles Gemüthe wie das eurige, aus einem Uebermaaß von angebohrner Gutherzigkeit betrogen würde; seht euch also vor. Ich kenne die Venetianische Landes-Art; in Venedig bekümmern sie sich wenig, ob der Himmel ein Zeuge ihrer Streiche ist, wenn nur ihre Männer nichts davon gewahr werden; ihre gröste Gewissenhaftigkeit geht insgemein nicht weiter, als daß sie niemand zusehen lassen, wenn sie sündigen.

Othello.

Sagst du das?

Jago.

Sie betrog ihren Vater, wie sie sich euch ergab; und zu eben der Zeit, da sie euch am heftigsten liebte, stellte sie sich, als ob sie sich vor euch fürchte.

[ 284 ] Othello.

Das machte sie würklich so.

Jago.

Macht also den Schluß; konnte sie, so jung, so unschuldig als sie war, sich so gut verstellen, daß ihr eigner Vater von allem was in ihrem Herzen vorgieng, nichts gewahr werden konnte – – Er dachte, es müsse nothwendig Zauberey dabey gebraucht worden seyn – – Doch ich bin sehr zu tadeln: Ich bitte euch recht demüthig um Vergebung, daß ich mich von meiner Liebe zu euch so weit verleiten lasse.

Othello.

Ich bin euch auf immer dafür verbunden.

Jago.

Ich sehe doch, es hat eure Lebensgeister ein wenig in Unordnung gebracht.

Othello.

Im mindsten nicht, im mindsten nicht!

Jago.

Glaubt mir, ich besorge, es ist so etwas; ich hoffe wenigstens, ihr werdet überzeugt seyn, daß, was ich sagte aus Freundschaft zu euch geflossen ist. Aber, ich seh’ es, ihr seyd beunruhigt – – Ich bitte euch recht inständig, meinen Reden keine schlimmere Auslegung zu geben, als meine Meynung ist.

[ 285 ] Othello.

Das will ich auch nicht.

Jago.

Thätet ihr’s, Gnädiger Herr, so könntet ihr Folgen daraus ziehen, an die ich in der That nie gedacht habe. Cassio ist mein Freund und ein Mann der Verdienste hat – – Gnädiger Herr, ich sehe, ihr seyd unruhig – –

Othello.

Nein, nicht sonderlich unruhig – – ich denke nichts anders, als Desdemona ist tugendhaft.

Jago.

Lange lebe sie so! Und lange möget ihr leben, so zu denken!

Othello.

Und doch, wenn die Natur einmal aus ihrem Geleis getreten ist – –

Jago.

Das ist eben der Punct – – Daß sie (wenn ich so frey seyn darf, es herauszusagen) so viele Partheyen, die ihr natürlicher Weise hätten angemeßner scheinen sollen, abgewiesen hat, um sich einem Liebhaber zu ergeben, dessen Landesart, Farbe und Alter dem ihrigen so entgegen gesezt war. In der That, das scheint etwas ausschweiffendes in ihrem Gemüth, eine gewisse Ueppigkeit und Unordnung ihrer Einbildung [ 286 ] und ihrer Neigungen anzuzeigen. Doch ich bitte euch um Vergebung, ich rede eigentlich nicht von ihr ins besondere; ob ich gleich nicht ohne alle Sorge bin, so könnte, bey kühlerm Blut, darauf fallen, eure Gestalt mit derjenigen von ihren Landsleuten zu vergleichen, und sich vielleicht ihre Wahl gereuen zu lassen.

Othello.

Leb wohl, leb wohl; wenn du etwas weiters merkest, so laß mich’s wissen: Trag es deiner Frau auf, sie genau zu beobachten. Verlaß mich, Jago.

Jago.

Ich beurlaube mich, gnädiger Herr.

Othello.

O warum heurathete ich! Dieser ehrliche Mann sieht und weiß ohne Zweifel mehr, weit mehr, als er sagt.

Jago (wieder zurükkommend.)

Gnädiger Herr, ich wollt’ ich dürfte Eu. Gnaden bitten, dieser Sache nicht weiter nachzuhängen; überlaßt es der Zeit; ob es gleich ganz gut wäre, daß Cassio wieder seine Stelle hätte, (denn in der That, bekleidete er sie mit grosser Geschiklichkeit,) so würdet ihr doch, wenn es euch gefiele ihn noch eine Zeitlang in der Ungewißheit zu lassen, dabey Anlaß finden, ihn und sein Betragen besser kennen zu lernen. Gebt auch acht, ob eure Gemahlin seine Wiedereinsezung [ 287 ] mit Merkmalen von Ungestüm und Heftigkeit betreiben wird; daraus würde sich vieles abnehmen lassen. Mittlerweile glaubet lieber, ich treibe meine Besorgnisse zu weit, und begegnet ihr so, daß sie keine Veränderung spüren könne; ich bitte Eu. Gnaden sehr darum.

Othello.

Verlaß dich hierüber auf meine Klugheit.

Jago.

Ich empfehle mich nochmals.

Othello.

Dieser Bursche ist der ehrlichste Mensch von der Welt, und kennt die Menschen und den Lauf der Welt meisterlich: Find’ ich sie unkeusch, so soll alle meine Liebe sie nicht vor meinem Grimm retten – – Vielleicht weil ich schwarz bin, und keine von den einschmeichelnden Eigenschaften im Umgang habe, die das ganze Verdienst dieser Jungfern-Knechte ausmachen; oder weil ich schon im herabsteigenden Alter bin – – Doch, das will nicht viel sagen – – Sie ist hin, ich bin betrogen, und mein Trost muß seyn, einen Ekel vor ihr zu fassen. O der Fluch des Ehestandes! Daß wir diese reizenden Geschöpfe unser nennen können, und nicht [ 288 ] ihre Neigungen! Ich wollte lieber eine Kröte seyn, und von den Ausdünstungen einer Mistgrube leben, als in dem was ich liebe, einen Winkel für eines andern Gebrauch zu wissen. Und doch ist das die gewöhnliche Plage der Grossen, die hierinn unglüklicher als die Geringen sind; es ist ein unvermeidliches Schiksal wie der Tod – – Hier kommt sie ja!

Wenn sie ungetreu ist, so spottet der Himmel seiner selbst. Ich kan es nicht glauben!

Desdemona.

Wie geht’s, mein liebster Othello? Euer Mittag-Essen, und die edeln Insulaner, die ihr dazu eingeladen habt, warten auf eure Gegenwart.

Othello.

Ich bin zu tadeln.

Desdemona.

Warum redet ihr so schwach? Fehlt euch was?

Othello.

Ich hab’ einen Schmerz hier an meiner Stirne.

Desdemona.

Das kommt nur, weil ihr zu viel gewacht habt, es wird bald wieder vergehen. Erlaubt mir nur, daß ich euch [ 289 ] die Stirne hart verbinde, so wird es in einer Stunde wieder besser seyn. (Sie zieht ihr Schnupftuch heraus, um es ihm umzubinden.)

Othello.

Euer Schnupftuch ist zu klein; laßt es gut seyn: Kommt, ich will mit euch gehen.

Desdemona.

Es ist mir recht leid, daß ihr nicht wohl seyd.

Aemilia (indem sie das Schnupftuch aufließt.)

Ich bin froh, daß ich dieses Schnupftuch gefunden habe; das war das erste Geschenk, das sie von dem Mohren empfieng. Mein wunderlicher Mann hat mir schon hundertmal gute Worte gegeben, daß ich es stehlen sollte. Allein sie liebt es so sehr, (denn er beschwor sie, es immer zu seinem Andenken zu behalten,) daß sie es immer mit sich herum trägt, um es zu küssen und damit zu schwazen. Ich will den Riß von der Stikerey abzeichnen, und es dann dem Jago geben; was er damit machen will, weiß der Himmel, nicht ich: Ich habe nichts dabey, als seine Grille zu befriedigen.

Jago.

Wie steht’s? Was macht ihr hier allein?

Aemilia.

Schmählt mich nicht; ich hab etwas für euch.

Jago.

Ihr habt etwas für mich? Es ist etwas gemeines – –

Aemilia.

Wie?

Jago.

Ein närrisches Weib zu haben.

Aemilia.

O, ist das alles! Was gebt ihr mir für dieses Schnupftuch?

Jago.

Was für ein Schnupftuch?

Aemilia.

Was für ein Schnupftuch? – – Wie, das so der Mohr Desdemonen gab; das nemliche, wo ihr mich so lange schon stehlen hiesset.

Jago.

Hast du ihr’s gestohlen?

[ 291 ] Aemilia.

Nein; aber sie ließ es aus Versehen entfallen, und da ich zu allem Glük dabey war, so hub ich’s auf; sieh, da ist es.

Jago.

Du bist ein braves Mensch; gieb mir’s.

Aemilia.

Was wollt ihr damit machen, daß ihr so ernstlich haben wolltet, daß ich’s stehlen sollte?

Jago.

Wie, was geht das dich an?

Aemilia.

Wenn es nicht zu irgend einem Vorhaben von Wichtigkeit ist, so gebt mir’s wieder. Die arme Frau! Sie wird närrisch werden, wenn sie es missen wird.

Jago.

Thut nicht, als ob ihr was davon wißt. Ich hab es nöthig. Geh, laß mich allein – – (Aemilia geht ab.) Izt will ich dieses Schnupftuch in Cassio’s Quartier verliehren, und es ihn finden lassen. Die ärmsten Kleinigkeiten sind für eifersüchtige Leute so starke Bekräftigungen, als Beweise aus der Bibel. Dieses Ding kan zu was gut sein. Das Gift das ich dem Mohren beygebracht habe, fangt schon an bey ihm zu würken: Argwöhnische Einbildungen haben [ 292 ] in der That die Natur des Gifts, welches man anfangs am Geschmak kaum erkennen kan: aber sobald es ins Blut übergeht, wie eine Schwefel-Mine brennt – – Das sagt ich!

Seht, da kommt er! Weder Mohn-Saamen, noch Mandragora, noch alle einschläfernde Säfte in der Welt zusammen genommen werden dir jemals diesen süssen Schlaf wiedergeben, den du gestern noch hattest – –

Othello (vor sich!)

Ha! Sie soll mir untreu seyn!

Jago.

Wie, wie stehts, General! Nichts solches mehr!

Othello.

Hinweg! fort! Du spannst mich auf die Folter: Ich schwör’ es, es ist besser mit seinen Augen sehen, daß man betrogen wird, als nur besorgen müssen, daß man’s sey.

Jago.

Wie, Gnädiger Herr?

Othello.

Was wußt’ ich von ihren verstohlnen Ausschweiffungen? Ich sah sie nicht, ich dachte nicht daran, sie thaten mir kein Leid; ich schlief die Nacht darauf wohl; war ruhig [ 293 ] und froh; ich fand Cassio’s Küsse nicht auf ihren Lippen. Laßt den der bestohlen ward und das Gestohlne nicht vermißt; laßt ihn nichts davon wissen, und es ist soviel als ob er gar nicht bestohlen worden wäre.

Jago.

Ich bedaure, daß ich solche Dinge hören muß.

Othello.

Und hätte das ganze Lager bis auf die Troßbuben herab, ihren holden Leib gekostet, und ich wüßte nur nichts davon, so wär’ ich glüklich. Aber, o! nun auf ewig fahr wohl, Ruhe des Gemüths! Fahr wohl Zufriedenheit! Fahret wohl, ihr mit Federbüschen geschmükten Schaaren; und du, stolzer Krieg, der die schwellende Seele mit edler Ruhmbegierde füllt: O fahret wohl! Fahret wohl wiehernde Stuten, schmetternde Trompete, Muth-erwekende Trummel, und du muntre Queer-Pfeiffe, königliches Panner, und der ganze Prunk und Pomp des glorreichen Kriegs! Und, o! ihr tödtlichen Werkzeuge, deren eherner Rachen Jupiters furchtbaren Donner nachahmt, fahret wohl! Othello’s Arbeit ist gethan!

Jago.

Ist’s möglich, Gnädiger Herr? – –

Othello.

Nichtswürdiger, sey gewiß, daß du mir beweisen kanst, daß meine Liebe eine Hure ist; sey dessen gewiß, gieb mir [ 294 ] eine sichtbare Probe – – (Er faßt ihn wüthend an.) Oder, beym Werth der unsterblichen Seele des Menschen! es wäre dir besser, wenn du ein Hund gebohren worden wärest, als meinem aufgeschrekten Grimm zu begegnen.

Jago.

Ist es dazu gekommen?

Othello.

Laß mich’s sehen; oder beweis es wenigstens so, daß kein Schatten eines Zweifels übrig bleibe: Oder weh deinem Leben!

Jago.

Mein edler Gebieter – –

Othello.

Wenn du sie unschuldig angeklagt, und mich auf diese Folterbank geschraubt hast, so bete nicht mehr, erstik dein Gewissen, häuffe Greuel auf Greuel, begeh Sünden, daß der Himmel weinen und die Erde sich entsezen muß; du kanst nichts ärgers thun, um das Maaß deiner Verdammniß voll zu machen als du schon gethan hast.

Jago.

O! Barmherzigkeit! Der Himmel steh mir bey! Seyd ihr ein Mann? Habt ihr eine Seele? oder ein menschliches Gefühl? Gott sey bey euch; nehmt mir mein Amt, und wenn ihr wollt, mein Leben dazu – – O ich unglüklicher [ 295 ] Thor, daß ich erleben soll daß meine Ehrlichkeit zum Verbrechen gemacht wird! O Welt! Welt! Das ist dein Lauff; ehrlich und aufrichtig, ist sein eigner Feind seyn. Ich dank’ euch für diesen Unterricht; von nun will ich der Freundschaft gute Nacht geben, und niemand mehr lieben als mich selbst.

Othello.

Nein, warte – – Du solltest ehrlich seyn – –

Jago.

Ich sollte klug seyn; Ehrlichkeit ist ein Narr, der jedermann gutes thut, und nur sich selbst schadet.

Othello.

Bey allem was in der Welt ist, ich denke mein Weib ist unschuldig, und denke sie ists nicht; ich denke du bist rechtschaffen, und denke du bist’s nicht; ich will Beweis haben. Ihr Name, der so frisch war wie Dianens Antliz, ist nun so schwarz als mein eignes. Nein, wenn noch Strike, noch Dolche, noch Gift, Feuer oder Wasser in der Welt sind, so will ich diese Pein nicht länger ausstehen – – Ich wollt’ ich wäre meines Schiksals gewiß!

Jago.

Ich sehe, Gnädiger Herr, ihr werdet von eurer Leidenschaft aufgerieben. Es reut mich, daß ich Anlas dazu gegeben habe. Ihr wollt eures Schiksals gewiß seyn?

[ 296 ] Othello.

Ja, das will ich.

Jago.

Und könnt; aber wie? wie gewiß seyn, Gnädiger Herr? wolltet ihr ein Augenzeuge seyn – – mit weitoffnen Augen zu sehen? Sehen wie sie – –

Othello.

Tod und Verdammniß! oh!

Jago.

Ich denk’ es würde schwer halten, sie so vertraulich zu machen: Bey solchen Spielen liebt man keine fremde Augen zu Zuschauern. Was dann? Wie dann? Was soll ich sagen? Was nennt ihr Gewißheit? Es ist unmöglich, daß ihr’s mit Augen sehen könnt; und wenn sie so unverschämt wären wie Geissen, so hizig wie die Wald-Teufels, und so unbesonnen wie ein Dummkopf, den man mit Wein angefüllt hat. Und doch sag ich, wenn Wahrscheinlichkeiten, wenn Umstände die geradeswegs bis vor die Thüre der Wahrheit führen, euch Gewißheit geben können, so könnt’ ihr sie haben.

Othello.

Gieb mir einen überführenden Beweis, daß sie ungetreu ist.

Jago.

Ihr legt mir eine unangenehme Pflicht auf; aber da ich [ 297 ] mich nun einmal, aus unüberlegter Aufrichtigkeit und Freundschaft, so weit in diese Sache eingelassen habe, so will ich weiter gehen. Ich lag lezthin mit Cassio in einem Bette; ein rasender Zahn machte daß ich nicht schlafen konnte – – Es giebt eine Art von Leuten, deren Seele so schlapp ist, daß ihnen ihre geheimsten Gedanken im Schlaf entgehen. Von dieser Art ist Cassio. Er redte im Schlaf. Liebste Desdemona, hört’ ich ihn sagen, laß uns vorsichtig seyn? Laß uns unser Liebes-Verständniß dem schärfsten Aug’ unerforschlich machen! Und dann, gnädiger Herr, tappte er um sich, und drükte mir die Hand, rief – – O bezauberndes Geschöpf! und küßte mich dann nicht anders, als ob er Küsse, die auf meinen Lippen wüchsen, mit den Wurzeln ausziehen wollte, legte dann sein Bein über meinen Schenkel, und seufte und küßte mich, und rief, verfluchtes Schiksal, das dich dem Mohren gab!

Othello.

O Scheusal! Scheusal!

Jago.

Nein, das war nur ein Traum.

Othello.

Aber ein Traum, der ganz deutlich anzeigt, was geschehen ist.

Jago.

Das ist ein verdammter Zweifel, ob es gleich nur ein [ 298 ] Traum ist. Es kan doch immer dazu dienen, andre, an sich selbst zu schwache Anzeigen zu verstärken.

Othello.

Ich will sie von Glied zu Glied in Stüke reissen.

Jago.

Nicht so heftig! Fasset euch; noch sehen wir nichts, sie kan noch unschuldig seyn – – Sagt mir nur das, habt ihr niemals ein Schnupftuch, mit Erdbeeren überstikt, in eurer Gemahlin Hand gesehen?

Othello.

Ich gab ihr so eines, es war mein erstes Geschenk.

Jago.

Davon weiß ich nichts; aber mit einem solchen Schnupftuch (und ich bin gewiß, es war eurer Gemahlin ihres,) sah ich Cassio heute seinen Bart wischen.

Othello.

Wenn’s das nemliche wäre – –

Jago.

Es mag dieses oder ein anders seyn, so war es doch von ihr, und, zu den andern Proben genommen, spricht es nicht zu ihrem Vortheil.

Othello.

O daß die Elende tausend Leben hätte! Eines ist zu [ 299 ] wenig für meine Rache. Nun seh ich endlich – – Schau, Jago, so blase ich alle meine Liebe dem Himmel zu: Sie ist weg; – – erhebe dich, schwarze Rache, aus deiner unseligen Gruft! und du, Liebe, tritt dem tyrannischen Haß deinen Thron und deine Krone ab! Wie mein Herz mir schwillt, als ob es mit lauter Natter-Zungen angefüllt wäre!

Jago.

Gebt euch noch zufrieden.

Othello.

O Blut, Blut, Blut! – –

Jago.

Geduld, sag ich; ihr könnt vielleicht anders Sinnes werden.

Othello.

Niemals, Jago – – niemals sollen meine blutige Gedanken, in ungestümer Fluth sich daherwälzend, zu sanfter Liebe zurük fliessen, bis eine weite hinlängliche Rache sie verschlungen haben wird – – Das schwör’ ich, (er kniet,) höre Himmel das schrekliche, unwiederrufliche Gelübd! – – Bey deiner unzerstörbaren Veste schwör’ ich Rache!

Jago (kniend.)

Stehet noch nicht auf – – Seyd Zeugen, ihr ewigbrennenden Lampen dort oben, und ihr Elemente, die uns rings umfassen; seyd Zeugen, daß Jago hier alles was [ 300 ] sein Verstand, seine Hand und sein Herz vermag, zum Dienste des beleidigten Othello wiedmet! Er befehle! Und ich will gehorchen, ohne zaudern gehorchen, so blutig auch der Befehl seyn mag!

Othello.

Ich bewillkomme deine Freundschaft nicht mit eiteln Danksagungen, sondern mit gutwilliger Annahm; und im gleichen Augenblik will ich dir sagen, wozu ich sie nöthig habe. In den nächsten dreyen Tagen, laß mich von dir hören, daß Cassio nicht mehr ist.

Jago.

Mein Freund ist todt; ihr wollt es, es ist gethan. Aber sie – – sie laßt leben!

Othello.

Verderben über sie, die unzüchtige Gleißnerin! oh! Verderben, Verderben über sie! Komm, geh mit mir auf die Seite, ich muß auf irgend ein schnelles Mittel denken, den schönen Teufel aus der Welt zu schaffen. Nunmehr bist du mein Lieutenant – –

Jago.

Ich bin auf ewig der eurige.

Desdemona.

Guter Freund, wißt ihr, wo der Lieutenant Cassio ligt?

Hans Wurst.

Das unterstühnd’ ich mich wol nicht zu sagen, daß er irgendwo lüge.

Desdemona.

Warum?

Hans Wurst.

Er ist ein Soldat; und wenn unser einer sagte, ein Soldat lüge, das wäre Hals-Arbeit.

Desdemona.

Keine Possen! Wo ist sein Quartier?

Hans Wurst.

Da würd’ ich selbst lügen, wenn ich euch das sagen wollte.

Desdemona.

Auf diese Art werd’ ich von dir keine Antwort kriegen.

[ 302 ] Hans Wurst.

Ich weiß sein Quartier nicht; und wenn ich folglich ein Quartier erdenken wollte, und sagen, er lige da, oder er lige da im Quartier, so würd’ ich’s in meinen Hals hinein lügen.

Desdemona.

Du kanst ihn doch erfragen?

Hans Wurst.

Ich will die ganze Welt catechisieren; ich will so lange nach ihm fragen, bis mir jemand antwortet, wo er ist.

Desdemona.

Such ihn auf, und heiß ihn hieher kommen; sag ihm, ich habe meinen Herrn auf gute Gedanken für ihn gebracht, und ich hoffe, es werde alles gut gehen.

Hans Wurst.

Das ist endlich eine Verrichtung, die innert den Grenzen von eines ehrlichen Kerls Wiz ligt; und also will ich sehen, ob ich damit zu Stande kommen kan.

Desdemona.

Wo mag ich doch das Schnupftuch verlohren haben?

Aemilia.

Ich weiß es nicht, gnädige Frau.

[ 303 ] Desdemona.

Ich versichre dich, ich wollte lieber einen Beutel voll Crusado’s verlohren haben. Wenn mein edler Mohr nicht zu vernünftig und zu großmüthig gesinnt wäre, um eifersüchtig zu seyn, so brauchte es nicht mehr, um ihn auf schlimme Gedanken zu bringen.

Aemilia.

Ist er nicht eifersüchtig?

Desdemona.

Wer, er? Ich denke, die Sonne, unter der er gebohren ward, zog alle groben Dünste von dieser Art aus ihm.

Aemilia.

Seht, da kommt er.

Desdemona.

Ich will izt nicht von ihm ablassen, bis er den Cassio zu sich ruffen läßt – – Wie stehts mit euch, mein lieber Gemahl?

Othello.

Wohl, meine liebe Gemahlin – – Himmel! wie werd ich an mich halten können! – – wie gehts euch, Desdemona?

[ 304 ] Gebt mir eure Hand; diese Hand ist feucht, Madam. Heiß, heiß, und feucht – – eine solche Hand erfordert Eingezogenheit; fasten und beten, viel Casteyung, und geistliche Uebungen; denn es ist ein feuriger, schwizender Teufel hier, der oft rebellisch wird; es ist eine gute Hand, eine freygebige Hand.

Desdemona.

Ihr könnt in der That wohl so sagen; denn es war die Hand die mein Herz weggab.

Othello.

Eine freygebige Hand. In vorigen Zeiten gaben die Hände Herzen; aber unsre neue Heraldik ist Hände ohne Herz.

Desdemona.

Ich verstehe mich nichts hierauf; kommt, wir wollen nun von euerm Versprechen reden.

Othello.

Was für ein Versprechen, mein Däubchen?

Desdemona.

Ich habe zu Cassio geschikt, daß er kommen und mit euch reden solle.

[ 305 ] Othello.

Ich bin mit einem beschwerlichen Schnuppen geplagt; leih mir dein Schnupftuch?

Desdemona.

Hier, mein Gemahl.

Othello.

Das, so ihr von mir bekommen habt.

Desdemona.

Ich hab es nicht bey mir.

Othello.

Nicht?

Desdemona.

In der That, nicht.

Othello.

Das ist ein Fehler. Das nemliche Schnupftuch hatte meine Mutter von einer Zigäunerin, die sich auf die Zauberey verstuhnd, und den Leuten so gar sagen konnte was sie dachten. Sie sagte ihr, so lange sie es behalten würde, würd’ es sie liebenswürdig und ihr das Herz meines Vaters gänzlich eigen machen; wenn sie es aber verlöhre, oder verschenkte, würde sie auf einmal allen Reiz in seinen Augen verliehren, und ihm verhaßt und unerträglich werden. Meine Mutter gab mir’s da sie starb und bat mich, wenn ich jemals heurathete, es meinem Weibe zu geben. Ich that [ 306 ] es, und ich sag euch, habt Acht darauf: – – Bewahrt es, wie euern Augapfel: Es verliehren oder weggeben, wär’ ein Unglük, dem kein anders zu vergleichen wäre.

Desdemona.

Ists möglich?

Othello.

Es ist würklich so; es ist etwas zauberisches in dem Gewebe davon. Eine Fee, welche den Lauf der Sonne zweyhundert mal anfangen und enden gesehen hatte, machte die Stikerey daran: Die Würmer waren geweyht, welche die Seide dazu spannen, und es wurde mit Mumien von einbalsamierten Jungfern-Herzen gefärbt.

Desdemona.

In der That! Ist das wahr?

Othello.

Sehr wahr; ihr könnt also nur Sorge dazu tragen.

Desdemona.

Wenn es so ist, so wollt’ ich zu Gott, ich hätt’ es nie gesehen!

Othello.

Ha! Warum?

Desdemona.

Warum sprecht ihr so hastig und auffahrend?

[ 307 ] Othello.

Ist’s verlohren? Ist’s hin? Sagt, ist es fort?

Desdemona.

Gott sey bey uns! – –

Othello.

Was sagt ihr?

Desdemona.

Es ist nicht verlohren; aber gesezt, es wäre verlohren?

Othello.

Ha!

Desdemona.

Ich sag, es ist nicht verlohren.

Othello.

Holt es, ich will es sehen.

Desdemona.

Gut, das kan ich, mein Herr; aber ich will izt nicht: Das ist ein kleiner Streich, wodurch ihr mich von meiner Bitte abbringen wollt. Ich bitte euch, laßt euer Haus dem Cassio wieder offen seyn.

Othello.

Holt mir das Schnupftuch – – ich will nicht hoffen – –

[ 308 ] Desdemona.

Kommt, ihr werdet niemals einen bravern Mann an seinen Plaz bekommen.

Othello.

Das Schnupftuch – –

Desdemona.

Ein Mann, der bisher sein ganzes Glük auf eure Freundschaft gebaut hat; der Gefahren mit euch getheilt hat – –

Othello.

Das Schnupftuch.

Desdemona.

Wahrhaftig, ihr seyd zu tadeln – –

Othello.

Hinweg! – –

Aemilia.

Wie? Ich glaube der Mann ist eifersüchtig?

Desdemona.

So hab’ ich ihn noch nie gesehen. O ganz gewiß ist [ 309 ] etwas ausserordentliches in diesem Schnupftuch. Ich bin höchst unglüklich es verlohren zu haben.

Aemilia.

Man lernt weder in einem noch in zweyen Jahren was ein Mann ist; sie sind alle lauter Magen, und wir Arme sind ihr Futter; sie schlingen uns gierig hinein; und wenn sie sich überfüllt haben, so rülpsen sie uns wieder aus. Seht, da kommt Cassio und mein Mann.

Jago.

Es ist kein andres Mittel übrig; das muß sie thun – – Wie glüklich! hier ist sie schon; geht und bittet sie so sehr ihr könnt.

Desdemona.

Wie steht’s, guter Cassio? wie gehn eure Sachen?

Cassio.

Gnädige Frau, ich habe noch immer meine vorige Bitte. Auf eurer Großmuth beruht alle meine Hofnung zu meiner Wiederherstellung in die Freundschaft euers Gemahls, den ich mit so gänzlicher Ergebenheit des Herzens ehre und liebe. Ich möchte nicht noch länger aufgezogen werden. Ist mein Vergehen so groß, daß weder meine Reue noch [ 310 ] meine ehmaligen Dienste, noch diejenigen die ich künftig zu leisten wünsche, mich loskauffen und wieder in seine Gunst einsezen können, so ist wenigstens das eine Wohlthat, wenn ich weiß daß es so ist; damit ich in diesem Fall, in eine erzwungene Zufriedenheit eingehüllt, einen andern Weg suchen kan, um vom Allmosen des Glüks zu leben.

Desdemona.

Ach, mein lieber guter Cassio, meine Fürsprache ist dermalen sehr unvermögend; mein Gemahl ist nicht mein Gemahl; ich würde ihn nicht mehr kennen, wenn er sich an Gestalt so sehr wie am Humor, verändert hätte. So stehe jeder gute Engel mir bey, wie ich nach meinem äussersten Vermögen für euch gesprochen habe. Aber alles was ich durch meine Freymüthigkeit erhielt, war, daß ich mir seinen Unwillen zuzog. Ihr müßt euch noch ein wenig gedulden; was ich thun kan, das will ich: Und ich will mehr als ich Herz hätte für mich selbst zu thun. Laßt euch das genug seyn.

Jago.

Ist der General zornig?

Aemilia.

Er gieng nur erst von hier fort, und, versichert, er ist in einer seltsamen Gemüths-Unruhe.

Jago.

Kan er zornig seyn? Ich war dabey, wie die Canone [ 311 ] seine Lilien in die Luft zerstiebte, und so schnell und gewaltsam wie der Teufel, seinen Bruder unmittelbar an seiner Seite wegrafte; und kan er zornig seyn? So muß etwas wichtiges daran Ursache seyn; ich will gehn und ihn aufsuchen; in der That, das bedeutet was, wenn er zornig ist.

Desdemona.

Ich bitte dich, thu das – – Ganz gewiß muß etwas das den Staat betrift, entweder von Venedig, oder irgend ein unausgebrütetes Complot hier in Cypern, wovon er die Entdekung gemacht hat, seinen sonst immer heitern Geist verfinstert haben; und in solchen Fällen ist es die Art der Menschen, daß sie ihren Unmuth an geringern Dingen auslassen, wenn gleich grosse ihr Gegenstand sind. Es ist nicht anders. Es darf uns nur ein Finger weh thun, so verbreitet sich auch über unsre übrigen gesunden Gliedmassen ein Gefühl von Schmerz. Nein, wir müssen denken, daß unsre Männer keine Götter sind; wir können nicht von ihnen fordern, daß sie immer so zärtlich mit uns umgehen, als sie vor der Hochzeit thun. Schilt mich nur recht sehr aus, Aemilia; ich unartiges Ding, ich war schon im Begriff seiner unfreundlichkeit in meinem Herzen den Proceß [ 312 ] zu machen; aber nun find’ ich, daß meine Eigenliebe den Zeugen bestochen hat, und daß er ungerechter Weise angeklagt worden ist.

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